Schön? Nein. „Schön“ im klassischen Sinne ist Zypern nicht: Diese Insel ist anders – voller Gegensätze, Ungereimtheiten, mal rau und dann wieder ganz sanft. Sie ist dreckig und posh zugleich, in der Zeit zurück  und ihr im selben Moment voraus, orientalisch und europäisch.  Auch wenn es mir schwer fällt, zu erklären, was genau mich an Zypern fasziniert, ist doch eines sicher: Seit meinem ersten Besuch im Jahr 2006 hat sie mich nie wieder losgelassen, diese Insel im Mittelmeer.

zypern wasmitb nikosia sophienkathedrale

Trotzdem war es nicht gerade Liebe auf den ersten Blick, das mit Zypern und mir. Um nicht zu sagen: es begann mit einer Nullnummer. Kulturschock, glühende Hitze, quadratzentimetergroße Mückenstiche im schuhkartonkleinen Wohnheimszimmer, nicht funktionierende EC- und Krankenkassen-Karten, und zu allem Überfluss auch noch Bettwanzen. Während meines Auslandssemesters im Süden der geteilten Insel hatte ich gleich zu Beginn alles mitgenommen, was ging. Am Ende von Woche 1 saß ich heulend in meinem Zimmer und googelte Flüge nach Hause.

Ich buchte nicht. Was hätte ich auch sagen sollen? „Zypern ist mir irgendwie zu weit weg/zu heiß/zu anders und ich zu unflexibel/zu wenig abenteuerlustig/zu bequem?“ Stattdessen beschloss ich, dem Leben hier auf den Grund zu gehen, herauszufinden, wie die Inselmenschen ticken und das alles möglichst wertfrei – gucken und beobachten, nicht urteilen. Und überhaupt: Die Aussicht auf acht Monate Sonne, acht Monate Mittelmeer – es hätte schlimmer sein können.

zypern wasmitb nikosia blechschild

Wann immer es ging, schnappte ich mir meine Kamera, wartete an der improvisierten Haltestelle vor unserem Wohnheim auf den Bus, für den zwar kein fester Fahrplan zu existieren schien, der mich aber trotzdem halbwegs zuverlässig in die Altstadt brachte. Die zyprischen Großmütter, die philippinischen Hausmädchen und ich – wir nahmen im Bus jedes Schlagloch mit, während ich versuchte, durch einen Spalt zwischen den zugezogenen Vorhängen einen Blick nach draußen zu erhaschen, um im allerletzten Moment „Stási!“ rufen zu können, das griechische Wort für Bushaltestelle. Dann legte der Fahrer jedes Mal eine Vollbremsung hin und ich konnte aussteigen. Was mich in der Altstadt erwartete, mag für viele ein Albtraum sein – für mich war es das Paradies.

zypern wasmitb nikosia gelb alter mann

Tagelang zog ich in jenem Winter durch die alten Straßen von Zyperns geteilter Hauptstadt Nikosia und fotografierte mir die Finger wund. Je näher ich der Grenze kam, die seit 1974 quer durch die Stadt und über die Insel läuft, desto mehr verlassene und verfallene Häuser gab es. Immer wieder stieß ich auf Grenzposten, vor denen ich meine Kamera jedes Mal so schnell es ging versteckte, da das Fotografieren militärischer Einrichtungen in Zypern verboten ist. Hier und da hatten in den heruntergekommenen Häusern Schreiner und andere Handwerker ihre Werkstätten eingerichtet. Doch wohnen wollte so nah an der Pufferzone, die griechische und türkische Zyprer auch hier in der Hauptstadt voneinander trennte, offenbar niemand mehr.

zypern wasmitb nikosia tipografiki

Ich dagegen fühlte mich wie auf einer Zeitreise und konnte gar nicht genug von der Szenerie bekommen – etwa von den Schaufenstern, in denen noch immer die Auslagen von 1974 schlummerten, von scheinbar für immer heruntergelassenen Schiebegittern, von blechernen Reklameschildern, an denen der Rost beharrlich nagte, von den wunderbar abgerundeten alten Häusern aus der britischen Kolonialzeit, mit ihren schmalen Balkonen und hölzernen Schlagläden. In meinen Pausen, die ich bei Frappé und frisch gepresstem O-Saft im Schatten der Altstadt im immer gleichen libanesischen Restaurant verbrachte, malte ich mir aus, wie ich eines Tages eins dieser Häuser kaufen und renovieren würde. Von gegenüber sah mich eine fuchsrote Katze mit müden Augen an.

zypern wasmitb katze

Mehr als einmal erlebte ich auf meinen Streifzügen durch die Altstadt Nikosias auch seltsame Dinge: Soldaten, die ihre Geduld verlieren‚ („Leave, leave now, it is very dangerous around here!“) und ältere Männer, die mich mit meinen damals langen blonden Haaren für eine russische Prostituierte im Dienst hielten. So seltsam es klingen mag, hielt mich das nie davon ab, weiter auf Zeitreise zu gehen und Ecken abseits jeglicher Touristenpfade zu erkunden. In regelmäßigen Abständen überquerte ich die Grenze und setzte meinen Weg auf der türkisch-zyprischen Seite der Stadt fort, bis ich wieder vor einer Mauer mit Einschusslöchern stand, vor Barrikaden aus Sandsäcken und Stacheldraht, vor Erinnerungen, die bei mir so viel Traurigkeit auslösten, als sei das alles hier meine eigene Geschichte.

zypern wasmitb nordzypern nikosia wall

Wenn ich abends nach Hause kam, standen meine Schuhe nur so vor Staub und Dreck. Aber ich war dieser Insel, dieser Stadt und ihren Menschen wieder ein Stück näher gekommen. Jedes einzelne Foto, das ich gemacht hatte, ein Stück zaghafte Annäherung an ein sehr besonderes, aber auch traumatisiertes Stückchen Erde.

zypern wasmitb nikosia fensterladen

Mehr als zehn Jahre sind seit meinem ersten Besuch auf Zypern vergangen. Immer wieder bin ich zurückgekehrt, auf „meine“ Insel, die sich seitdem verändert hat: Es gibt neue Grenzübergänge und immer wieder auch Friedensverhandlungen (mal mehr, mal weniger aussichtsreich). Menschen ziehen zurück in die Straßen in der Nähe der Pufferzone, renovieren dort Häuser. Bars, Restaurants und Cafés machen auf, die einst verlassene Altstadt pulsiert – im Gegensatz zu damals. Gleichzeitig veröden seit der Bankenkrise 2013 ganze Straßenzüge, die 2006 noch total angesagt waren.

zypern wasmitb nikosia letters

Immer wenn es schon wieder eine Weile her ist, dass ich zuletzt auf Zypern war, wird mir das Herz schwer. Weil diese Insel, die fälschlicher Weise oft auf ihre Sandstrände, Aphrodite und „Das gehört doch zu Griechenland, oder?“ reduziert wird, für mich längst zu einem Stück Heimat geworden ist. Weil sie mir mit ihrer besonderen Geschichte, ihren ganz eigenen Schwierigkeiten, kurz, ihrer Andersartigkeit ans Herz gewachsen ist. An manchen Tagen tut es mir geradezu weh, nicht mal eben mit einer meiner besten Freundin dort Frappé zu trinken und Tavli zu spielen, beim Lieblingslibanesen Hummus und Fatoush zu essen oder spät am Abend, wenn die Hitze des Tages langsam weicht, die Ledra Street, eine der Haupteinkaufsstraßen Nikosias, hoch und runter zu flanieren, am nächsten Morgen vom Ruf des Muezzin, der aus dem Norden der Stadt herüber schallt, oder vom Rauschen des über der Grenze patrouillierenden UN-Hubschraubers geweckt zu werden. Das nennt man wohl Heimweh, nach dieser Insel im Mittelmeer.

zypern wasmitb nordzypern nikosia football field