„It’s 10 dollars, M’am.“ Was sind schon 10 Dollar für einen Parkplatz, denkst du, und zahlst. 10 Dollar, denke ich, und fange an, am gesunden Menschenverstand zu zweifeln. Die Frau im Kassenhäuschen kaut gelangweilt auf ihrem Kaugummi herum. Ihre Hand streckt sich fordernd meiner heruntergelassenen Scheibe entgegen.

10 Dollar, um den Mietwagen in der brütenden Junihitze im schattenlosen Staub zu parken – Schnäppchen. Hier in Graceland, dem ehemaligen Anwesen von Elvis Presley in Memphis, Tennessee, gibt es genau diesen einen Parkplatz, den ich nutzen muss, ob ich will oder nicht. An der Straße parken – verboten. Mit dem Bus von Downtown Memphis nach Graceland fahren und das Parkplatzproblem so umgehen – Fehlanzeige, nicht möglich.

Ich wühle in meinem Portemonnaie, noch immer unschlüssig, ob ich die horrenden Parkgebühren kommentieren soll oder nicht. Ich entschließe mich dagegen, die Hitze hat mich streitmüde gemacht. Take it easy, sage ich mir – was sind schon 10 Dollar extra, wenn ich im Vorfeld schon 77,50 Dollar für zwei Eintrittskarten bezahlt habe?

Die Graceland Tour – Spaß kostet extra

38,75 Dollar pro Person – dafür bekommt man in Graceland gerade mal die Mansion Tour, „the Graceland experience on a tight schedule“, wie es so schön heißt. Für 38,75 Dollar pro Person dürfen wir an diesem Dienstagnachmittag wie die Hühner mit unseren iPad-Audioguides in der Hand und dem Headset auf den Ohren eineinhalb Stunden lang durch Zimmer und Flure, über Gartenwege und Grünflächen laufen. Als mir der Herr hinter mir zum dritten Mal in die Hacken tritt, weil ich stehen bleibe, um ein Foto zu machen, und er mich dafür dann auch noch dumm anmacht, wird mir klar: Hier versteht keiner Spaß. Das hier ist eine verdammt ernste Angelegenheit – für 38,75 Dollar pro Person.

Schon vor unserem Graceland-Besuch hatten sich finanzielle Abgründe aufgetan. Selbstverständlich hatten wir unsere Tickets online gekauft, um zwei Stunden Schlange-stehen vor Ort zu vermeiden. Nach einem Blick in die Reisekasse war klar: Mehr als Basic ist nicht drin – die besagte Mansion Tour für 38,75. Dafür bekamen wir dann auch nur genau das: Haus mit ein bisschen Garten, Anbau mit Auszeichnungen, Filmrequisiten und Postern, Blick auf die Koppeln – that was it. Wer das komplette Paket will, muss entsprechend tiefer in die Tasche greifen: Mehr iPad-Material und Zugang zu Elvis‘ Flugzeugen Lisa Marie und Hound Dog II – die selbstverständlich hinter extra aufgestellten Sichtschutzwänden verborgen sind – gibt’s für 47,50 Dollar; die „Graceland Elvis Entourage VIP Tour“ für 75 Dollar – dafür bekommt man dann aber auch all-day access und darf sich ganz legal an der Schlange vorm Eingang der Villa vorbei drängeln. Und für die Leute mit ganz dickem Geldbeutel gibt es für schlappe 80 Dollar pro Person nicht nur die VIP Tour, sondern auch noch die Flugzeuge zur Besichtigung obendrauf – warum sollten die auch Teil der VIP Tour sein? Eben.

Graceland: „Kultureller Reichtum“ auf amerikanisch

Was „kultureller Reichtum“ wirklich heißt, Graceland macht es einem klar: Allein durch die Eintrittsgelder kommt eine 4-köpfige Familie (Eltern, zwei Kinder über 7 Jahren), die sich hier aus Nostalgiegründen alles komplett angucken will, auf stolze 320 Dollar. Kinderermäßigung gibt’s ab VIP-Paket nämlich auch nicht mehr. Ach so, und dann noch 10 Dollar extra für’s Parken – fast hätte ich’s vergessen.

Nur damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Natürlich muss Graceland in Schuss gehalten werden, natürlich müssen Reinigungskräfte, Gärtner und alle anderen Angestellten bezahlt, Reparaturen durchgeführt und die Strom- und Wasserrechnung beglichen werden. Aber bei horrenden 80 Dollar für ein VIP-Ticket, mehr als 600.000 Besuchern pro Jahr und 10 Dollar Parkgebühr jeweils obendrauf, sollten die Kosten problemlos gedeckt sein.

Und tatsächlich: Eine kurze Recherche bestätigt für 2005 einen Umsatz von 13 Millionen Dollar allein aus Eintrittsgeldern und Einzelhandel (Souvenirs, Essen und Getränke). Und die Besucherströme reißen nicht ab. Im Mai dieses Jahres besuchte der 20-millionste Besucher seit 1982 das Elvis-Anwesen.

Wie aber kann es sein, dass in Graceland ein Mythos derart ausgeschlachtet werden kann? Dass Menschen, die ihrem Idol und einem Stück Rock ’n‘ Roll-Geschichte ganz nah sein wollen, dafür so tief in die Tasche greifen müssen – und auch greifen?

Hey Graceland! Deutschland kann es doch auch

Zum Vergleich: Für Richard Wagners Villa Wahnfried und das daran angegliederte Museum in Bayreuth zahlen Besucher 8 Euro, unter 18 Jahren ist der Eintritt frei. Goethes Wohnhaus samt Museum in Weimar gibt es für Erwachsene für 15 Euro, Kinder unter 16 Jahren zahlen nichts und auch Mozart in Salzburg gibt es für vergleichsweise harmlose 17 Euro. Auch der deutsche Touristenmagnet für Ausländer schlechthin, Schloss Neuschwanstein, scheint, ebenso wie das Potsdamer Sanssouci, mit 12 Euro Eintritt für Besucher beinahe billig. Sicher auch, weil ein Teil der Kosten durch Spenden, Stiftungs- und öffentliche Gelder aufgefangen wird. Doch warum das alles?

Vielleicht weil man hier in Europa verstanden hat, dass kulturelle und geschichtliche Bildung keine Frage des Einkommens sein darf. Die eigentliche Preisfrage ist also: Was kostet es Staat und Gesellschaft mittel- und langfristig, wenn man einen guten Teil der Menschen durch hohe Eintrittsgelder von Kultur und Geschichte regelrecht fernhält? Mein Bauchgefühl sagt mir: Mehr als mir lieb ist.

Wie heißt es in Gracelands Pressetext zu 20 Millionen Besuchern so schön? „That’s 20 million who have passed through the famous gates of Graceland, 20 million who have rock ‘n’ rolled in the Jungle Room, 20 million who have admired their reflection in Graceland’s mirrors, 20 million who have paid their respects to the king.“ 20 million who have paid a fortune for all of this.

Zum Vergleich und Abschluss noch ein Zahlenspiel: Die USA haben 324 Millionen Einwohner: Zum Erbe des Rock ’n‘ Roll Papstes haben es in den letzten 33 Jahren nur 6 Prozent geschafft. Guess why.