„Trainspotting“ habe ich nie gesehen. Und das, was der Titel suggeriert, nie gemacht: an einem Bahnhof stundenlang ein- und ausfahrende Züge beobachten. Überhaupt finde ich Bahnfahren wenig faszinierend. Dass ich als Kind keine Spielzeugeisenbahn besaß, ist also nicht überraschend. Unser Nachbar hatte dafür so ein Ding auf dem Dachboden: Mit Tunneln, Lichtern in den kleinen Miniaturhäusern und Signaltönen, wenn die schwarze Lok und ihre fünf Waggons im Bahnhof einfuhren. Wenn er die Eisenbahn manchmal für mich in Betrieb genommen hat, dann habe ich doch mal kurz gestaunt – allerdings mehr darüber, welche Schätze sich auf einem Dachboden befinden können und dass es da oben ganz normalen Strom gibt; die Züge waren nur schmückendes Beiwerk.

Umso erstaunlicher, dass mich Züge, oder vielmehr das Drumherum aus Bahnhof, Lokschuppen und Gleisen vorletztes Wochenende doch irgendwie in ihren Bann gezogen haben – in Pankow-Heinersdorf, im Norden von Berlin, in einem verlassenen Bahnbetriebswerk mit preußischen Wurzeln.

bahnbetriebswerk pankow-heinersdorf berlin wasmitb steuer250.000 m², stillgelegt Ende der 1990er Jahre – das Bahnbetriebswerk Pankow-Heinersdorf, das sich direkt neben dem S-Bahnhof erstreckt, hat ganz schön viel gesehen: Erbaut zur Kaiserzeit um die Jahrhundertwende, wurde es nach Ende des Zweiten Weltkrieges von der Deutschen Reichsbahn, der Staatsbahn der DDR, weitergenutzt, auch als Ausbildungsstätte für Reichsbahner.

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bahnbetriebswerk pankow-heinersdorf berlin wasmitb geländerAuf dem von Gras überwucherten Gelände gibt es unter anderem zwei Lokschuppen; der ältere von beiden ist ein kreisrunder Bau mit Kuppeldach. Dieser sogenannte Rundlokschuppen ist nicht nur für Ingenieure spannend. Durch eine Drehscheibe im Zentrum konnten die Lokomotiven auf die sternförmig abgehenden Abstellgleise verteilt werden, wenn sie gerade nicht unterwegs waren oder repariert werden mussten. Weil es ein Dach gab, konnten die Loks das ganze Jahr über gewartet und rangiert werden, ein Ausfall der Drehscheibe durch Frost war relativ ausgeschlossen.

bahnbetriebswerk pankow-heinersdorf berlin wasmitb rundlockschuppen überblickEinst gab es mehr als 20 solcher Rundlokschuppen in Deutschland, Russland, Polen und Luxemburg. Doch ihre Blütezeit war kurz: Als die Dampfloks durch den technischen Fortschritt immer stärker und dadurch länger wurden, erwiesen sich die Rotunden bald als zu klein. Im Gegensatz zu den neueren Ringlokschuppen konnte man sie aber nur schwer erweitern, was schließlich ihr Ende bedeutete.

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bahnbetriebswerk pankow-heinersdorf berlin wasmitb führerhausDer Schuppen in Pankow hat mittlerweile einen gewissen Seltenheitswert: Heute sind in Deutschland nur noch zwei Rundlokschuppen erhalten – der eine auf dem Rangierbahnhof in Berlin-Rummelsburg, der andere in Pankow-Heinersdorf. Und dennoch hat die Deutsche Bahn, die bis 2009 Eigentümerin des Geländes war, den einst prächtigen Bau über die Jahre immer weiter verfallen lassen. So ist das Industriedenkmal inzwischen eine baufällige Ruine. Einzig um den Rückbau der Gleise hat man sich gekümmert.

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bahnbetriebswerk pankow-heinersdorf berlin wasmitb bahngebäude treppenhausPläne, das Gelände und den Rundlokschuppen wiederzubeleben, gab es immer wieder: 2009 hat ein Berliner Möbelhändler das Areal in der Absicht gekauft, auf dem ehemaligen Güterbahnhof nebenan ein Einkaufszentrum aufzumachen, Wohnungen zu bauen und Grünflächen anzulegen. Bis jetzt aber ist noch nichts davon Realität geworden.

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