Eine Armada aus Polizisten, Bombenräumfahrzeugen, Scharfschützen, Spürhunden und dazu noch die Kamerateams – Filmsets in Hollywood sehen vermutlich nicht anders aus. Hollywood war heute in Berlin und ich mittendrin. Meine Requisiten: Eine Zugangsberechtigung, mein Personalausweis und meine Sonnenbrille. So also ist das, wenn der Arbeitsplatz für 25 Stunden im Hochsicherheitsbereich liegt.

Schon beim Verlassen der Wohnung weiß ich, dass dieser Mittwoch anders werden wird. Obama-Besuch in Berlin, sein erster als Präsident. Sein Hotel: Das Ritz-Carlton am Potsdamer Platz. Nicht weit von meiner Arbeit. In weiser Voraussicht decke ich mich bei meinem Bäcker mit Brötchen für die Mittagspause ein und habe meine Frühstückscola ausgetrunken, noch bevor ich am gesperrten Areal aus der U-Bahn steige – durch die Sicherheitskontrolle am Flughafen schafft es die Flasche schließlich auch nie. Eine SMS verrät mir, dass der Bus meiner Kollegin kurzerhand gestoppt wurde, kein Weiterkommen. Sie will sich anders zum Potsdamer Platz durchschlagen.

Oben am Ausgang der U-Bahn wartet eine Menschenschlange, viele hundert Meter lang. Alle die heute am Potsdamer Platz ins Büro wollen, müssen durch ein großes Bundeswehrzelt mit Sicherheitsschleuse und Röntgenscannern. Das Problem: Gerade ist Red Zone. Niemand darf sich auf dem abgeriegelten Platz bewegen. Das heißt Warten in praller Sonne bei 29 Grad um gerade mal Viertel nach neun. Nächster Einlass: frühestens in einer Stunde. Die Angestellten des Ritz-Carlton, wo die Obamas wohnen, tragen trotz Hitze ihre gewohnt stilvolle Uniform und verteilen Wasser in nicht ganz so stilvollen Pappbechern. Ich vermute, dass es trotzdem nur eine Frage der Zeit ist, bis der Erste aus unserer Schlange kollabiert. Viertel vor elf bin ich endlich im Büro. Ein Polizist hat mich bis ins Foyer eskortiert. „Danke für’s Bringen“, sage ich. Er lächelt angespannt.

Die Zustandsbeschreibung für das, was um mich herum passiert, heißt „Sicherheitsstufe 1+“. Anders ausgedrückt: Es gibt heute wahrscheinlich keinen potenziell gefährlicheren und gleichzeitig sichereren Ort auf dieser Welt als den Potsdamer Platz. Es fällt mir schwer, mich auf die Arbeit zu konzentrieren, nicht nur weil die Fenster heute den ganzen Tag wegen der Sicherheit geschlossen bleiben müssen – unter dem Label „Sicherheitsstufe 1+“ darf man wahrscheinlich alles verbieten.

Über die Medien erfahren wir nur schlaglichtartig zwischendurch von #Neuland, der Legoverpackung im Sony Center und der Hitzeempfindlichkeit der First Lady, wir müssen schließlich arbeiten. Die Dame, die eben noch neben mir in der Schlange stand, sehe ich im Teaser von Spiegel Online Video wieder.

Um halb 6 die E-Mail, dass die Red Zone gerade wieder einmal aufgehoben ist. Obama, so heißt es, mache sich gerade nebenan im Ritz frisch. Wie lange es nun möglich ist, unser Gebäude zu verlassen, bleibt ungewiss. Verpassen wir das Zeitfenster, sitzen wir möglicherweise bis zu Obamas Abflug fest. Hektisch raffen wir unsere Sachen zusammen und huschen in den Aufzug, nichts wie raus aus dem goldenen Präsidentenkäfig. Auch wenn draußen noch immer die Sommerhitze lauert.

Das sonnenverbrannte, schweißbedeckte Gesicht der schwer bewaffneten Polizistin vor dem Eingang unseres Büros signalisiert stumme Zustimmung: Anstrengend war er, der 19. Juni. Auch sie macht drei Kreuze, wenn die Air Force One wieder abhebt. An Polizeiwagen und Schaulustigen vorbei schiebe ich mich Richtung U-Bahn. Gleich, wenn ich zu Hause bin, werde ich mir in Ruhe Obamas Rede vom Brandenburger Tor ansehen. Dazu bin ich bis jetzt vor lauter Sicherheit einfach nicht gekommen.