Eigentlich ist er nur der größte Schutthaufen von Berlin – aus Kriegstrümmern und Bauabfall. Doch seine 120 Meter Höhe machten den Teufelsberg zum idealen Ort für eine Abhörbasis, und den künstlichen Hügel damit weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt. Briten und Amerikaner nutzten „The Hill“ seit 1961 und belauschten mit den fünf kuppelförmigen Antennenbauten ihrer Field Station im großen Stil die DDR, Sowjetunion und Tschechoslowakei. Mittendrin: Hüseyin Yildirim, ein gebürtiger Türke, der in den 70er Jahren nach Deutschland auswanderte und später in verdeckter Mission für die Stasi die Geheimdienstaktivitäten auf dem Teufelsberg ausspionierte und – zumindest gegenüber des MfS – das Treiben der NSA schon damals offenlegte.

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berlin teufelsberg NSA streetart wasmitb turm frauÜber seinen Job in der Autowerkstatt einer Berliner US-Kaserne hatte Yildirim den US-amerikanischen Unteroffizier James Hall kennengelernt und sich mit ihm Anfang der 80er Jahre auf einen Deal geeinigt: Hall, Deckname Paul, sollte auf dem Teufelsberg amerikanische Geheimdienstunterlagen besorgen und sie Yildirim, Deckname Blitz, zukommen lassen. Der wiederum gab sie an die ostdeutsche HVA, die Hauptverwaltung Aufklärung, weiter. Aus Sicht der Stasi eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit. Über Hall gelangte Yildirim auch an hochbrisante NATO-Dokumente. Denn Hall hatte auf dem Teufelsberg Zugang zu den abgehörten und entschlüsselten Funksprüchen, zu streng geheimen Strategiepapieren und zum Telefonbuch des Pentagons – selbst die weltweiten Angriffsziele der NSA konnte Hall beschaffen. Mit dem Geld, dass er für seine Dienste bekam, wollte er sich und seiner Familie, genau wie Yildirim, ein besseres Leben ermöglichen.

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Hüseyin Yildirim: Der vergessene DDR-Spion

Der Dokumentenhandel war ein gutes Geschäft. Erst 1987 quittiert Yildirim den Dienst und auch Hall ist inzwischen zurück in die USA gegangen. Ein Jahr später aber werden beide enttarnt und in den USA wegen Spionage zu langen Haftstrafen verurteilt. Hüseyin Yildirim bleibt auch dann noch in US-Haft, als die Mauer fällt und der Kalte Krieg ein Ende findet. Er wird zum vergessenen DDR-Spion, für dessen Freilassung sich niemand mehr einsetzt.

berlin teufelsberg NSA streetart wasmitb zwei radarkuppelnAus Spionagezeiten sieht man heute auf dem Teufelsberg im Berliner Grunewald nur noch wenig: Das mehr als vier Hektar große Areal ist zur Freiluftgalerie für Streetart geworden. 1992, also kurz nach der Wende, wird die alte Radartechnik aus der Abhörstation entfernt. Auf dem Gelände sollen Luxuswohnungen mit besten Ausblick entstehen. Doch das Projekt scheitert an den immensen Kosten. Auch aus der später geplanten Einrichtung eines Spionagemuseums oder auch von Studentenwohnungen wird nichts. Als selbst die Bewachung der verbliebenen Gebäude zu teuer wird, wird auch sie eingestellt – und damit dem Vandalismus Tür und Tor geöffnet.

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Der Teufelsberg: Partylocation und Streetart-Paradies

Neugierige und Diebe machen sich über die ehemalige Abhörstation her, Kabel und Rohre werden gestohlen, Partys werden gefeiert, viel, vor allem im Inneren der Station, zerstört. Das Urban Exploration-Credo „Leave nothing but footprints“ ist den meisten, die damals zum Teufelsberg kommen, egal.
Vor allem Streetart- und Graffitikünstler haben sich auf dem Teufelsberg seitdem in der ehemaligen Abhörstation mit den fünf imposanten Radarkuppeln, die Radoms genannt werden, verewigt: Auf nackten Wänden sind großflächige Kunstwerke entstanden, kaum ein freier Platz ist geblieben.

berlin teufelsberg NSA streetart wasmitb collage herz zylinderVon Weitem wirkt das Material der Radarkuppeln wie starres Plastik. Ein Blick aus der Nähe  verrät, dass es sich bei der Kuppelbespannung um dicke Kunststoffplane handelt, die an vielen Stellen nur noch in Fetzen hängt. Auf dem Dach des Turms fehlt sogar die Ummantelung – Gerüchte besagen, sie habe einer Partycrowd in einer Silvesternacht den Blick auf Berlin versperrt und musste weichen. Wer hier alle Stufen bis nach oben schafft, wird neben dem Blick mit einem Sounderlebnis der besonderen Art belohnt: An einem bestimmten Punkt in der Kuppel kann man sich nämlich über das Echo selbst hören.

berlin teufelsberg NSA streetart wasmitb taina graffitiErst 2003 – auf dem Teufelsberg sind da schon einige Partys gelaufen –  kommt Hüseyin Yildirim unerwartet frei: acht Jahre früher als Hall. Er wird in die Türkei überstellt, muss dort den Rest seiner Haftstrafe jedoch nicht mehr antreten. Heute ist Yildirim, der Blitz, ein freier Mann – mit einer geheimnisreichen Geschichte. Der Berg und seine Abhörstation wurden in den letzten Jahren dagegen immer bekannter. Bis vor kurzem gab es sogar offizielle Führungen, organisiert vom langjährigen Pächter des Geländes. Durch einen Pachtwechsel ist damit jetzt erstmal Schluss. Ob statt illegaler Partys bald ein geplanter Biergarten und eine Galerie Touristen auf den Teufelsberg locken, steht aber noch in den Sternen.

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