Als meine Oma starb, war ich 9. Meine Erinnerungen an sie und ihr Zuhause, in dem sie wohnte, bis wir sie in ein Altenheim steckten, sind bruchstückhaft: Von der Küche, in der Oma immer irgendwo Brot versteckte, das sie vergaß und das dann heimlich vor sich hin schimmelte, über den Garten am Hang, der so gänzlich ungeeignet war für sämtliche Ballspiele, bis hin zum mohnroten Geländer, das von der Straße zu Omas Haustür führte und rostige weiße Stelzen hatte. Und da, da hören die Erinnerungen auch schon auf.

Von Oma Geschichten von früher erzählt bekommen, von ihr mit Schokolade gemästet werden und ganze Wochenenden auf ihrer Couch, vor dem Fernseher, eingerollt in eine selbstgehäkelte Decke, verbringen: das kenne ich nur aus Büchern und meiner Fantasie. Wie oft hatte ich mir genau das gewünscht? Und dann kam Betty.

Betty lerne ich in Kansas City kennen, als ich 2008 für ein paar Monate in den USA arbeite. Sie ist meine Gastoma. Trotz ihrer 86 Jahre ist sie das Musterbeispiel einer rüstigen älteren Dame: Sie lebt allein in ihrem kleinen Häuschen mit Garten, fährt noch immer mit ihrem alten goldfarbenen Ford Kombi bei Walmart einkaufen und trifft sich hin und wieder mit einer Freundin bei McDonald’s zum Frühstücken, weil es den Kaffee für Senioren dort billiger gibt. Zuhause bewohnt sie nur noch das Erdgeschoss, weil die Treppe nach oben ihr Mühe macht. So habe ich die erste Etage mit den lavendelfarbenen Wänden für mich.

 

„Taina, is that you?“

Betty ist viel beschäftigt: Kreuzworträtsel in der neuesten Ausgabe der Reader’s Digest lösen, direkt neben dem Radio sitzen, Baseball hören und jede Partie ihrer geliebten Kansas City Royals in ihrer eigens entworfenen Tabelle protokollieren oder stundenlang am Computer Solitär spielen. Nie ohne ein Augenzwinkern erklärt sie mir das Wetter („If you don’t like the weather, wait a minute!“) und das Leben. Wenn ich nachts vom Feiern nach Hause komme, wirft sie mir am nächsten Morgen einen verschwörerischen Blick zu und sagt: „Um 3 warst du jedenfalls noch nicht hier, weil der Vorhang vor der Haustür noch nicht zugezogen war…“. Manchmal, wenn ich nachts versuche, möglichst leise die Treppe hoch zu schleichen, ruft eine Stimme aus ihrem Schlafzimmer „Taina, is that you?“. Die Frau hat Ohren wie ein Luchs.

Es wäre gelogen, würde ich sagen, dass unser Zusammenwohnen immer reibungslos war. Eine Oma, die Augen und Ohren überall hat, und jede Shopping-Eskapade kommentiert, kann mitunter ganz schön anstrengend sein. Und dennoch: All die Einblicke in ihr Leben, in ihren Alltag, machen die kleinen WTF-Momente wett: Wenn sie voller Stolz ihren Fake-Kamin anschaltet oder sich jeden Tag um die gleiche Uhrzeit das exakt gleiche Essen in der Mikrowelle warm macht, dann finde ich das seltsam beruhigend.

 

Rummykub und Reese’s Pieces

Das Highlight unserer gemeinsamen Monate sind unsere Rummykub-Abende: Stundenlang sitzen wir am Esstisch mit der Spitzendecke und spielen um Geld – alles andere würde Betty langweilig finden. Während sie Runde um Runde gewinnt, erzählt sie von früher, von der Zeit mit ihrem Mann, der schon lange tot ist, davon, wie sie gemeinsam die Welt bereist haben, weil er bei der Navy arbeitete und alle paar Jahre versetzt wurde. Nach ein paar Stunden Spielen machen wir Pause. Dann wackelt Betty in die Küche und kommt mit Reese’s Pieces Peanut Butter Ice Cream für uns beide zurück. Ihre Augen leuchten, als ich nach einem Nachschlag frage.

Unser Abschied fällt traurig aus. Nicht nur, weil ich Abschiede generell hasse, sondern weil der blöde, aber in solchen Fällen tröstende Satz „Man sieht sich immer zwei Mal im Leben“ ersatzlos entfällt. Wir wissen nicht, ob wir uns wiedersehen werden, ob die Zeit es zulässt, im doppelten Sinn.

 

„Was machst du Mittwochabend, Betty?“

Ein Jahr später meint es das Schicksal doch gut mit Betty und mir. Wieder bin ich bin für längere Zeit auf der anderen Seite des Atlantiks. Ohne zu zögern, buche ich einen Flug nach Kansas City. „Was machst du Mittwochabend, Betty?“, frage ich per E-Mail. Keine drei Tage später klingele ich pünktlich um 7 an ihrer Tür.

Noch einmal erzählt sie mir die alten Geschichten, die ich schon kenne. Extra für mich schaltet sie den Kamin an, mitten im Juli. Im Radio läuft Country Musik, während wir bis mitten in der Nacht Rummy spielen. Zwischendurch verschwindet sie in der Küche, um kurz darauf mit zwei Schälchen Erdnussbuttereis zurückzukommen. Für diesen Abend hat sie extra eine neue große Packung gekauft. Irgendwann gegen 2 Uhr morgens schlafe ich fast im Sitzen ein, während Betty noch immer hellwach die Rummy-Kärtchen mischt. Diese Frau ist unglaublich. Nach einer allerletzten Runde verabschiede ich mich, nicht ohne eine Träne im Knopfloch.

 

Fast forward

Seitdem sind sieben Jahre vergangen. Es mag komisch klingen, aber ich traue mich nicht, zu fragen, ob sie noch lebt. Weil ich Angst habe vor der Antwort. Und weil ich ein schlechtes Gewissen habe. Immerhin hätte ich Betty irgendwann in den letzten Jahren ohne Weiteres einfach noch mal eine E-Mail schreiben können. Und doch habe ich es aus irgendwelchen nichtigen Gründen nicht getan. Ich dachte, ich sei zu beschäftigt – zu beschäftigt, um ihr in angemessener Form „hallo“ zu sagen. Zu wissen, dass es jetzt womöglich zu spät ist, macht mich traurig.

Gleichzeitig bin ich dankbar dafür, dass wir uns überhaupt getroffen haben. Dass sie mich so herzlich aufgenommen und für eine Zeit ihr Leben, ihren Alltag mit mir geteilt hat. Dank Betty habe ich jetzt zumindest den Hauch einer Vorstellung davon, wie es sein muss, eine Oma zu haben.