Nach Berlin wollen sie alle. Mindestens zum Feiern. Oder für ein Projekt. Ein Ort für Weltverbesserer, Start-up-Zauberer, Feierwütige, Karrieristen, Veganer, Kreativköpfe, Weltenbummler. Sie alle sind auf der Suche nach Selbstverwirklichung. In der Hauptstadt der Sehnsüchte. Doch was, wenn man, wie ich, in Berlin gelandet ist, ohne es zu wollen?

Damit gehöre ich wohl offiziell einer Minderheit an. Ich bin im Winter in Berlin angekommen, nachdem ich mir eigentlich geschworen hatte, nie wieder einen Fuß in diese Stadt zu setzen. Klingt radikal? Hat sich auch so angefühlt. Ich wollte einfach nicht an die Spree – schon allein, weil alle anderen offenbar so sehr wollten.

Und so kann ein erster Winter in Berlin ganz schön lang sein. Und bleibende Eindrücke hinterlassen: Meine Erinnerung an diese erste Zeit im Osten der Republik flüstert mir zu, dass ich die Stadt vor allem unglaublich anstrengend fand – in all ihrer bemühten Lässigkeit und Individualität, beim Zelebrieren einer vermeintlichen, zeitgeistigen Elite oder beim Einfach-nur-rotzig-sein. Gleichzeitig sah ich jeden Tag auf dem Weg zur und von der Arbeit an Straßenecken, Treppenaufgängen und in der U-Bahn die, die offenbar kein Stück vom Hauptstadtkuchen abbekommen hatten. Nie zuvor war mir Armut in Deutschland so bewusst geworden.

Nicht, dass ich nicht gewarnt worden wäre: „Berlin kann im Winter verdammt kalt sein.“, hatte Svenja gesagt, bevor ich herzog. Wie Recht sie damit hatte, wurde mir unsanft schon an meinem ersten Arbeitstag bewusst: Einen Schritt zu langsam in Richtung offenstehender U-Bahn-Tür und schon wurde ich von hinten angerempelt und eine Stimme pampte mir ein halb genuscheltes „Geh schneller, du Fotze!“ ins linke Ohr. Abgesehen vom eisigen Ostwind schien auch der Berliner an sich zu Kälte und Ruppigkeit zu neigen.

ubahn wasmitb 2Und überhaupt: Berlin schluckt Menschen. Eine Lektion, die ich vergleichsweise schnell begriff. Hier ist es nicht nur möglich, sondern nicht unwahrscheinlich, einander nach einem Treffen mitunter wochen- oder gar monatelang nicht wiederzusehen, weil alle dauerausgebucht sind. Montags fragen was am Samstagabend so geht? Da hättest du früher aufstehen müssen – wir sehen uns in 10 Wochen. Nirgends sonst habe ich es bislang als so schwierig empfunden, ein Netz von Lieblingsmenschen aufzubauen. Was blieb, ist die Sicherheit, das gar nichts sicher ist. Mehr als einmal habe ich mich von diesem Gesamtpaket wahnsinnig überfordert gefühlt. Traumstart, head-over-heals-mäßig, geht anders.

Das alles ist inzwischen drei Jahre her. So lange probieren Berlin und ich es jetzt schon miteinander. Feuer und Flamme? Noch immer Fehlanzeige. „Manchmal braucht die Liebe eben Zeit, gib dir und Berlin noch ein bisschen davon“, sagt meine Freundin Franzi dann. Und ich denke: Ich will aber im Sturm erobert werden. Drei Jahre sind für so einen Sturm eine ganz schön lange Zeit. Ach, Berlin.

Aktueller Beziehungsstatus also: Kompliziert. Richtig angekommen fühle ich mich noch immer nicht – was vielleicht auch all den Klischees liegt, die diese Stadt zuweilen lebt, pflegt und kultiviert: Ich trage noch immer keine Sneakers zum Kleid/ nicht ausschließlich Vintage/ keinen Bloggerknödel, war noch nie im Berghain oder auf einem illegalen Rave, verbringe meine Zeit nicht Projekte-diskutierend im St. Oberholz, treibe mich nicht auf Release- und After-Show-Partys herum und nehme überhaupt nur einen Bruchteil von dem Angebot wahr, mit dem die Hauptstadt die Sehnsüchtigen lockt. Ob ich es schade finde, das alles bislang nicht gemacht zu haben? Vielleicht. Ob ich mich damit abgrenzen will von denen, die all das tun? Nein.

The city is wilder wasmitbEs gibt auch gute Phasen, in denen Berlin und ich uns langsam näher kommen. Dann stromere ich Freitagabends durch meinen Kiez und sehe, wie sich die Bars und Restaurants langsam mit Gesprächsfetzen füllen, sehe, wie überall die Lichter angehen. Mein Blick bleibt an der Ampel an all den kleinen um sie herumgewickelten und geklebten Zettelchen hängen, da, wo ich mir ein Herz to go abreißen kann oder ein Stück Pappe an der Hauswand mir sagt: „Alles ist gut.“ Ich spüre einen Hauch von „Zuhause“, wenn ich die Wohnungstür öffne und unser Kater Limo mich mit seinem freudigem Gezwitscher (ja, das kann er) begrüßt. Dann vergesse ich, dass ich Berlin noch vor 10 Minuten, als ich in der Bahn wieder mal grundlos angeschnauzt wurde, ziemlich scheiße fand.

Berlin ist, was du draus machst, denke ich. Vielleicht ist das das Geheimnis, das eigentliche Beziehungspotenzial dieser Stadt. Ich gebe zu: Für diese Erkenntnis habe ich eine ganze Weile gebraucht. Eine Weile, die ich mit zögerlichen Annäherungsversuchen verbracht habe, mit Lichtblicken und Rückschlägen, mit Fluchtversuchen und Rückkehr.

berlin und ich alles ist gut wasmitbUnd so werden die guten Phasen inzwischen immer länger. Ich mag es, wenn bei mir um die Ecke Mustafa vor seinem kleinen, aus allen Ecken platzenden Trödelladen steht und mich grüßt, wenn ich vorbei laufe. Ich mag es, dass ich mit meinem Lieblingsbäcker nebenan wie mit einem Freund plaudern kann – über Berlin, Istanbul oder einfach nur übers Wetter. Es hat mich berührt, neulich in der U-Bahn zu sehen, wie eine Frau ihrer ihr unbekannten, herzzerreißend weinenden Sitznachbarin still ein Taschentuch reichte. Ich kann mir keine andere Stadt vorstellen, in der es so leicht ist, mit völlig Fremden in einer abbruchreifen Industriehalle zu feiern. Außerdem weiß ich nicht, wo es noch so schön ist, im Sommer mit Sushi am Kanal zu sitzen oder beim Urbexen die vergessenen Ecken der Stadt zu erkunden. Zu erleben, wie Freunde aus anderen Teilen der Welt hierher ziehen und gemeinsam mit ihnen – zumindest für eine Zeit – Berlin neu zu entdecken. Zu sehen, wie viele Träume in die Stadt getragen und manche davon auch wahr werden.

All diese guten Momente sammle ich und wünsche mir, dass ich sie eines Tages aufwiegen kann gegen die trüben, kalten und enttäuschenden Tage, an denen mir Berlin seine harte Seite gezeigt hat – wie einer dieser Straßen-Gangster aus Neukölln, die in der U-Bahn auf hart machen, bevor sie für ihre Freundin zu Hause Mirácoli kochen. Ach Berlin, du willst doch nur spielen. Du und ich? Ich glaube, da geht noch was.