Einmal richtig schön sein: Millionen Menschen auf der Welt legen sich für diesen Wunsch tagtäglich vor dem Badezimmerspiegel ins Zeug und nicht selten auch unters Messer. In der Ausstellung „Bin ich schön?“ im Berliner Museum für Kommunikation wird die Attraktivitätsmaximierung ganz stressfrei und in der Gruppe gelöst: Besucher knipsen dort einfach ein Foto ihres Gesichts und nehmen anschließend an einem Computer Platz. Der überlagert dann das eigene Porträt mit möglichst vielen Gesichtern anderer Männer oder Frauen – mit erstaunlich schönen Resultaten.

Der zugrundeliegende Effekt ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts bekannt. Im Auftrag der Polizei versuchte der britische Naturforscher Francis Galton damals eine Art universelles Verbrecher-Phantombild zu kreieren: Er legte die Bilder verschiedener Gangster übereinander und übertrug die Summe dieser Gesichter auf eine neue Fotoplatte. Zur allgemeinen Überraschung musste Galton aber feststellen: Seine Resultate wirkten nicht schurkischer, sondern vor allem hübscher und symmetrischer als die zugrundeliegenden Einzelbilder. Warum das so ist, konnten erst 1990 die beiden US-Forscherinnen Judith H. Langlois und Lori A. Roggman durch eine experimentale Studie erklären: Ein als besonders schön und symmetrisch empfundenes Gesicht ist zwar selten aber eben gerade kein Gesicht der Extreme. Die Größe der Nase etwa oder der Abstand zwischen Mund und Augen entsprechen genau dem mittleren Messwert der Bevölkerung. Abweichungen wie ungewöhnlich kleine Ohren oder weit auseinander stehende Augen wirken bis zu einem gewissen Grad reizvoll und exotisch, stören darüber hinaus jedoch das Schönheitsempfinden.

Schönheit ist relativ: Einem Mysterium auf der Spur

Conrad Mücke und seine Kollegen vom Berliner Museum für Kommunikation wollen vermitteln „dass Schönheit etwas Relatives ist“. Je nach Zusammenhang könnten äußerliche Faktoren sozial sehr unterschiedlich bewertet werden, so Mücke. Und so ist die Ausstellung auch ein Querschnitt durch historische, kulturelle und nicht zuletzt biologische und medizinische Aspekte des Mysteriums Schönheit.

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Biologisch betrachtet ist nicht nur die Symmetrie von Gesichts- und Körperhälften das Schönheitsmaß aller Dinge, sondern auch Anzeichen jugendlicher Vitalität: Ausdauer, Kraft, Agilität und Fruchtbarkeit: etwa attraktive weibliche Kurven oder ein muskulöser, Schutz und Sicherheit versprechender V-förmiger männlicher Oberkörper – für den sichtbaren Unterschied zwischen Frauen und Männern ist unter anderem das Sexualhormon Testosteron verantwortlich. Sein Spiegel entscheidet laut einer Studie der Universität Göttingen bereits im Mutterleib geschlechtsunabhängig darüber, wie männlich die Gesichtszüge des Fötus oder wie stark der Haarwuchs ausgeprägt sind.

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Modelmaße – alles andere als fraulich

Doch wie schön bin ich nun wirklich? Wer einen Vergleich nicht scheut, kann sich noch in der Ausstellung mit einem der erfolgreichsten Laufstegmodels der Welt messen: Eine lebensgroße Schablone mit den beeindruckenden Maßen von Giselle Bündchen (91-60-89 bei 1,80 m) macht es möglich. Nur Entspannung darf man sich von der Begegnung mit der Schablone nicht erwarten. Doch warum eigentlich nicht?

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Ein Aspekt könnte in der Wahrnehmung von Schönheit in unserer westlichen Mediengesellschaft liegen. In Zeitschriften, Internet und Fernsehen bekommen wir – verglichen mit dem Alltag – überdurchschnittlich häufig makellose Körper und Gesichter zu sehen. So entsteht ein Pseudo-Standard, mit dem sich zu messen gefährlich sein kann. Laut Ausstellung entsprechen die Vorgaben für Models dem durchschnittlichen Hüftumfang 13-jähriger Mädchen und der Taille fünfjähriger Kinder. Nur der Brustumfang soll der einer erwachsenen Frau sein. Internationale Topmodels sind zudem groß wie ein Mann und wiegen so viel wie eine 14-Jährige. „Was wir hier im Museum mit unserer Schablone zeigen, entspricht Konfektionsgröße 32 – einer Kindergröße“, sagt Conrad Mücke. „Normale Frauenmode geht bei Größe 34 gerade erst los.“

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Im Namen der Schönheit: Von Kosmetika bis Schönheitschirurgie

Und auch beim Teint gilt: Möglichst makellos und jugendlich soll er sein – und bloß keine Unebenheiten. Wers nachmachen will und nicht mehr ganz 20 ist, muss tricksen: mit BB Cream, Concealer und Foundation, dazu noch Puder und Highlighter. Rund 450.000 Tonnen Kosmetika werden in Deutschland jedes Jahr verkauft. Allein 2012 gingen dabei Hautpflegemittel im Gesamtwert von 2,8 Milliarden Euro über den Ladentisch. Hilft alles nichts, wird immer öfter zu Spritze und Skalpell gegriffen. 117.000 schönheitschirurgische Eingriffe wurden 2011 in Deutschland offiziell gezählt, verrät die Ausstellung. Weltweit betrachtet sind Fettabsaugungen an Bauch, Po und Beinen der beliebteste Eingriff, um dem Traum vom perfekt geformten Körper ein Stück näher zu sein.

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Nachgeholfen wird nicht erst seit heute. Auch das wird bei „Bin ich schön?“ gezeigt. So galt es im 19. Jahrhundert untern Männern als ausgemacht, dass man die Taille einer Frau mit beiden Händen umfassen können sollte. Die Frauen taten das ihrige, um dem gerecht zu werden, schnürten ihre Mieder extra-fest oder trugen gleich eine Korsage. Dass dadurch auch schon mal ein paar innere Organe gequetscht wurden, nahm man billigend in Kauf – Hauptsache schöner als die Konkurrenz. Bei Männern hingegen war ein Wohlstandsbauch gern gesehen – war er doch Ausdruck von Stattlichkeit, Macht und Ansehen. Auch hier wurde, wenn nötig, optisch nachgebessert: unter Adligen und Soldaten etwa mit einer bauchig geformten Metallrüstung.

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Andere Länder – andere Ideale

Schönheitsideale unterliegen aber nicht nur dem Zeitenwandel. Sie unterscheiden sich auch über verschiedene Kulturen hinweg: So ist etwa bei den Padaung-Frauen in Myanmar ein langer Hals das Schönheitsmerkmal schlechthin. Unter Mauretaniern dagegen gelten auch heute noch besonders runde und üppige Frauen als schön. Unter 80 Kilogramm geht auf dem Heiratsmarkt nicht viel. Schon Mädchen, die noch nicht dick genug sind, werden nicht wenige von ihren Verwandten gefüttert oder für Wochen und Monate in Masthäusern gestopft. Übergeben sich die jungen Frauen dann, müssen sie das Erbrochene auch hin und wieder aufessen. Eine Praxis, gegen die mittlerweile Organisationen im In- und Ausland kämpfen. Selbst das mauretanische Sozialministerium hat sich mit drastischen TV-Spots in den Kampf gegen die durch alte Bräuche provozierte Fettleibigkeit eingeschaltet.

Schönes Essen__Bin ich schön_Bild_wasmitb_01_2014

Natürlich hört Schönheit beim Betrachten von Gesichtern und Körpern noch lange nicht auf: Wer wissen will, warum der so genannte Goldene Schnitt nur im Abendland so bedeutsam ist, was es mit Mr. Post und Ms. Landmine auf sich hat und welche Schönheitsideale unter Tieren gelten findet die Antworten noch bis Ende Februar im Berliner Museum für Kommunikation.

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Hure oder Heilige__Bin ich schön_Bild_wasmitb_01_2014

Infos:

„Bin ich schön?“ –  Die gemeinsame Ausstellung des Museums für Kommunikation und des Naturhistorischen Museums der Burgergemeinde Bern ist noch bis zum 23. Februar 2014 in Berlin zu sehen. Ab 27. März gastiert die Ausstellung dann im Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main.

Mehr zum Thema:
www.mfk-berlin.de
www.weltbewusst.org/konsum-kosmetik/
www.brauchwiki.de/M%C3%A4stung_von_M%C3%A4dchen_in_Mauretanien
www.focus.de/panorama/welt/xxl-wahn-in-mauretanien-wenn-aus-essen-folter-wird-_aid_722252.html

Film- und Buchtipp:
Tine Wittler – Wer schön sein will muss reisen