Stettin oder Breslau?“, frage ich meine Sitznachbarin im Zug von Berlin nach Posen. „Also, wenn ich nur einen Tag hab und nur entweder oder geht“, füge ich hastig hinzu. „Breslau, ganz klar“, sagt Agnieszka, die an der FU studiert, ohne Zögern. Sie selbst besucht ihre polnischen Großeltern übers Wochenende. „Und warum nun Breslau?“, will ich wissen. „Weil es so bunt ist, so lebendig; in Breslau geht immer was.“ Und dann erzählt sie von legendären Partys, einem wunderhübschen Marktplatz und der hippen Studentenszene in der 630.000-Einwohner-Stadt im Südwesten Polens. Klingt gut, denke ich. Breslau unsicher machen und maximal viel mitnehmen. Doch diese Rechnung habe ich ohne die Kirche gemacht.

Breslau Polen Bruecke Liebesschloss Allerheiligen wasmitbOkay, es gibt sie tatsächlich in Breslau, die kleinen Gässchen mit Kopfsteinpflaster, genau wie auch die bunten alten Häuser am Marktplatz, hübsche Cafés und Parks, eine rumpelige Straßenbahn und den schicken, gerade erst frisch renovierten alten Hauptbahnhof. Und trotzdem fehlte der Stadt was, am Tag unseres Besuchs: der Moment nämlich, auf den man wartet, weil er jedes Geheimtipppotenzial bestätigt. Da waren Matze und ich nun mitten in Breslau gelandet, und der Wow-Effekt, der einem sagt, dass man den richtigen Riecher hatte, ließ und ließ auf sich warten.

Breslau Polen Bruecke Allerheiligen wasmitbIch gebe zu: Es dauerte, bis mir klar wurde, was hier eigentlich los war. Warum wir zeitweise die einzigen Menschen auf der Straße waren, warum die Cafés wie ausgestorben wirkten. Der Grund, so banal wie einleuchtend: Es war Allerheiligen. 85 Prozent der Polen sind katholisch; sie feiern das wichtigste Kirchenfest nach Ostern und Weihnachten zuhause im engsten Familienkreis. Geschäfte und Museen haben zu. Das öffentliche Leben ruht fast überall. Gemeinsam gedenkt man an diesem Tag der Verstorbenen; rotschimmernde Lichtermeere wogen über die Friedhöfe. Ein so schlechtes Timing für einen City-Trip muss man erst mal hinkriegen: nach Breslau fahren – ausgerechnet an Allerheiligen.

Breslau Polen Heilige Allerheiligen wasmitbKalt war es, und irgendwie nie richtig hell, als wir die Stadt durchstreiften. Rußgeschwärzte Mauern, an gefühlt jeder Ecke der Geruch von Kohleöfen, vereinzelte Gestalten auf der Straße, ab und an ein paar bellende Hunde. Dennoch: Das alles hatte einen seltsamen, stillen Charme.

Je später und dunkler es wurde, desto mehr spiegelnde Lichter tanzten über die Odra, die hier mitten durch die Altstadt fließt. Leichter Nebel zog auf. Eine Kutsche rauschte vorbei, der Geruch der Pferde stieg uns in die Nase. Vor einer Heiligenfigur sammelten sich die Kerzen. Und dann trat ein Mann im schwarzen Umhang auf die Straße: Er trug Zylinder und in den Händen hielt er einen langen dünnen Metallstab. Damit machte er sich an den Gaslaternen zu schaffen, die es in manchen Teilen der Breslauer Altstadt noch immer gibt. Es klackerte und zischte – und plötzlich wurde es hell auf dem Gehsteig. Noch nie zuvor hatte ich einen Lampenwärter gesehen – und schon gar keinen, der wie aus einer anderen Zeit aussah.

Breslau Polen Nacht Panorama Allerheiligen wasmitbNein, das war nicht das Breslau aus dem Geheimtipp im Zug, aber doch eine ganz besondere Erfahrung. Vielleicht ist es ja das, was so einen Geheimtipp eigentlich ausmacht: Ein Fleckchen Erde mit dem Potenzial für unerwartete, ganz eigene Geschichten.