Ein alter Filmprojektor, handbemalte Marionetten oder drei Zigarettenschachteln aus Blech: Das Geschäft von Milos Gavrilovic mitten in der Prager Altstadt ist das Depot eines Zeitreisenden. Mehrere tausend Gegenstände warten in Milos Trödelladen darauf, entdeckt zu werden – sogar ein alter Streckenanzeiger aus dem Meridian-Express ist dabei. Zu vielen kennt der etwa 60-Jährige Verkäufer mit seinem grauem Bart und den lebendigen Augen eine kleine Geschichte. Und die kriegt man Mittags, wenn es ruhig im Laden ist, mit etwas Glück bei einem starken Espresso inmitten all seiner Schätze erzählt.

bric a brac prag wasmitb tabak„Auf dem Meridian-Express hat mein Vater in den Fünfzigern als Schaffner gearbeitet“, sagt Milos an den Verkaufstresen gelehnt. „Den Namen hatte der Zug, weil er auf seiner Route von Belgrad über Prag, Dresden, Berlin und Stralsund nach Malmö Europa quasi senkrecht in der Mitte teilte.“ Eine besondere Beziehung hat Milos auch zu einem alten grauen Handradio, das auf einem kleinen, völlig überladenen Tisch am Eingang liegt. „Russische Qualität aus den 60ern; auf der Kurzwelle hat es den stärksten Empfang von allen.“ Zum Beweis dreht er an den Knöpfen des alten Apparats. Einen kurzen Moment lang hört man nichts außer Knarzen und Rauschen. Sekunden später schallen melancholische tschechische Schlager durch das Geschäft, was unerwartet gut zur Prager Mittagshitze draußen vor der Tür passt.

Schon seit Tagen klettern die Thermometer in der Stadt auf 35 Grad und mehr. Die Touristen laufen trotzdem unbeirrt in Massen keuchend und schwitzend Richtung Karlsbrücke. Auch wenn es da nicht wirklich kühler ist. Milos hat seinen ganz eigenen Trick gegen die Hitze. „Richtig starker Kaffee oder Tee mit ganz viel Zucker: Das hilft auch gegen den Durst.“, sagt er und nippt wie zum Beweis an seinem Espresso. „Das habe ich vor 40 Jahren bei den Arabern gesehen, als ich eine Zeit lang im Irak gearbeitet habe.“

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Eine von vielen Weisheiten, die Milos in seinem Leben gesammelt hat. Nicht nur sein Laden Bric à Brac, sondern Milos‘ Leben steckt voller bunter Geschichten. Nach Prag hatte es ihn und seine Frau Anfang der Neunziger Jahre auf der Flucht vor den Unruhen im untergehenden Jugoslawien verschlagen. „Die Leute bei uns sind in der Hinsicht immer noch verrückt“, sagt er. „Besonders in Belgrad, wo ich herkomme. Da ist einer nationalistischer als der andere.“ Im ehemaligen Jugoslawien sei es damals noch anders gewesen. „Unsere Nachbarn haben wir höchstens mal im Spaß einen Bosnier oder Kosovaren genannt. Von den meisten wussten wir gar nicht, welcher Volksgruppe sie angehörten.“

In seinem ersten Laden in Prag wollte Milos eigentlich nur die selbstentworfene Modelinie seiner Frau verkaufen. Alten Krempel hatte er aber schon damals leidenschaftlich gern gesammelt. „Damit auch die gelangweilten Ehemänner unserer Kundinnen etwas zum Gucken hatten, während die Frauen durch die Klamotten stöberten, habe ich meine Funde dann im Laden dekoriert.“ Doch dann waren immer wieder Dinge verschwunden: „Plötzlich fehlte eine meiner alten Uhren, oder ein Bild, eine Porzellantasse; sie alle bekamen Beine. Seltsamerweise blieb die Mode meiner Frau aber immer da, wo ich sie hingehängt hatte.“

bric a brac prag wasmitb marionette„Das war schon mehr als ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass sich hier in der Altstadt mit Trödel ein Geschäft aufbauen lässt“, erinnert sich Milos und lächelt. Er begann das, was aus seiner Sammlung noch übrig war, zu verkaufen und sah sich auf Haushaltsauflösungen und Versteigerungen nach immer neuen Artefakten um, denen er mit seinem Laden zu einem neuen Besitzer verhelfen könnte.

Zurück nach Belgrad wollen Milos und seine Frau heute beide nicht mehr. „Dafür lieben wir die Offenheit Prags und seine Geschichte mittlerweile viel zu sehr.“ Trotzdem hoffen sie, dass möglichst bald Ruhe und Stabilität in ihrer Heimat Serbien und den angrenzenden Balkan-Ländern einkehren. „Vielleicht“, meint Milos mit verschmitztem Grinsen, „werden wir ja sogar irgendwann nochmal EU-Mitglied.“

bric a brac prag wasmitb gitarreWenn ihr Milos und seine Schätze auch mal besuchen wollt: Týnská 7, Praha 1, Tschechien.

Mehr Bilder aus Prag, dem schönsten böhmischen Dorf von allen, findet ihr übrigens auch hier.