Wenn du sie zum ersten Mal siehst, ist die Brick Lane wie eine schrullige ältere Tante, deren Haare bereits aus dem ehemals akkuraten Dutt fallen, die zur Blümchenbluse aus den 50ern billigen Plastikschmuck kombiniert und sich im Takt der Reggae-Klänge mit ihrer Mulberry-Tasche in der Armbeuge bewegt. Verrutscht ihre Bluse beim Tanzen, blitzt unter dem Ärmel ihrer Bluse, auf ihrem Oberarm, ein richtiges Oldschool Anker-Tattoo hervor. Von wegen Jugendsünde. Kurzum: Auf den ersten Blick passt bei ihr nichts zusammen. Aber irgendwie ist sie erfrischend anders. Und deswegen trefft ihr euch nach dieser kuriosen ersten Begegnung ein zweites, ein drittes und ein viertes Mal. Weil es noch so viel zu erzählen gibt. Und ehe du dich versiehst, ist aus euren gelegentlichen Treffen Vertrautheit, Zuneigung und das wunderbare Gefühl geworden, ein Juwel gefunden zu haben.

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Für manche mag die Brick Lane im Londoner East End dreckig, heruntergekommen und chaotisch sein. Ein schmales, schnurgerades Sträßchen, dass schon im 15. Jahrhundert von Handwerkern bevölkert wurde. Heute wimmelt es hier nur so von bangladeschischen, pakistanischen und indischen Restaurants, ein kleiner Laden reiht sich an den anderen, von Ramsch bis Design findet ihr hier alles, und wo sie nicht mit grandioser Streetart übermalt sind, bekommt ihr wirklich Backsteine zu sehen.

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An Sonntagen, wenn Brick Lane Market ist, ist die Straße völlig überlaufen, schrecklich touristisch und überhaupt zu vermeiden. Aber an allen anderen Tagen will sie entdeckt werden. Auch wenn die Brick Lane keine Schönheit im klassischen Sinne ist, so ist sie doch wunderbar charismatisch. Und genau damit hat sie mein Herz erobert.

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Deshalb habe ich beschlossen: Statt euch mit unzähligen London-Tipps zu überschütten, möchte ich euch neben dem Borough Market eigentlich vorerst nur noch eins ans Herz legen: Die Brick Lane. Ich verrate euch meine liebsten Shops, Food- und Kaffeespots. Damit ihr die schrullige Tante von ihrer besten Seite kennenlernt.

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Brick Lane: Shops

Blitz (55-59 Hanbury St, E1 5JP): Die erste Empfehlung und ich schummle schon: Eigentlich ist Blitz von der Brick Lane aus gesehen noch mal um die nächste Ecke. Mein absoluter Lieblings-Vintage-Shop in the whole of London – groß, organisiert, aufgeräumt und dazu eine sehr gute Qualität. Hier habe ich nach langem Suchen zum Beispiel wunderbare Ledershorts gefunden. Eine kleine Kaffeetheke mit Cookies gibt’s obendrein. Das Ganze geht übrigens über zwei Etagen – also plant genug Zeit ein.

Absolute Vintage (15 Hanbury St, E1 5JP): Wenn wir schon schummeln, dann richtig. Zur anderen Seite der Brick Lane, ebenfalls auf der Hanbury Street, findet ihr mit Absolute Vintage einen weiteren Secondhand-Shop. Hier ist alles ein bisschen vollgestopfter (aber sortiert!), ein bisschen kleiner, ein bisschen schrabbeliger, aber mit nicht minder guten Schätzen dazwischen. Ich himmelte an: Die Miu Miu-Pumps vorne neben der Kasse in der Glasvitrine. Wenn ihr hingeht: Himmelt doch bitte noch mal für mich mit.

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Backyard Market (146 Brick Lane, E1 6QL): In der Old Truman Brewery kriegt ihr am Wochenende von Streetfood über Klamotten kleiner neuer Designer bis hin zu Gewürzen oder einem neuen Haarschnitt so ziemlich alles. Nach extravagantem Modeschmuck lässt es sich auch gut Ausschau halten. Und wenn es kalt ist, bekommt ihr direkt am Eingang zwischen all den Streetfood-Ständen auch noch eine Londoner Variante von Glühwein (oder zumindest heißen Apfelsaft). Könnte schlechter laufen, oder?

The Vintage Emporium (14 Bacon St, E1 6LF): Der letzte Vintage Shop, den ich hier empfehlen werde – versprochen. Schon von außen ein Traum in rosa, verrät der Blick durch die Scheibe, dass sich das Emporium über zwei Etagen erstreckt. Oben könnt ihr zwischen antiken Möbeln Tee schlürfen und Kuchen essen, im Keller geht es dann ans Eingemachte: Kleider und Nachthemden aus dem edwardianischen Zeitalter bis in die frühen 50er, viel Spitze und Pelz, Hüte mit und ohne Federn, Handschuhe, Koffer, Schnürschuhe und alles in einwandfreiem Zustand – also so einwandfrei, wie Kleidung nach so vielen Jahren eben sein kann. Die handverlesenen Stücke haben natürlich ihren Preis, dafür nehmt ihr aber auch echte Schätze mit nach Hause.

brick lane guide london wasmitb schiff streetartPope London (125 Brick Lane, E1 6SB): Das kleine Londoner Modelabel hieß bis Ende letzten Jahres noch „Hartnett & Pope“ – geändert hat sich an der bunten, sehr graphisch geprägten Mode aus Shoreditch zum Glück aber nichts. Vor einem guten Jahr habe ich hier mein heißgeliebstes „Wasserfarbensprenkel-Kleid“ gekauft, was ihr euch genau so vorstellen könnt: schwarz, umkrempelbare kurze Ärmel, die innen puderrosa sind und vorne drauf ein riesiges Stück eingesetzter Stoff, der unter einen pink-, türkis- und lilafarbenen Schuss Wasserfarbegekommen zu sein scheint. Alle Teile/Stücke bei Pope London sind unisex, Handarbeit und mit einem Auge für ausgefallene Designs und experimentelle Formen gemacht – und selbstverständlich Unikate.

This Shop Rocks (131 Brick Lane, E1 6SE): Vollgestopft bis unter die Decke, sodass der Kundschaft nichts anderes übrig bleibt, als sich aneinander vorbei durch die nicht mal einen Meter breiten Gänge zu schieben. Trotzdem wirkt dieses Kleinod fast magisch, weil man sich hier wie ein Spurensammler fühlen kann und zu vielen der feilgebotenen Antiquitäten seine ganz eigene Geschichte zu erinnern und erzählen hat.

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Brick Lane Bookshop (166 Brick Lane, E1 6RU): Eine sichere Quelle für gute und schöne(!) Bücher. Wie in jedem spannenden Buchladen geht man am Ende mit einer Tüte wieder durch die Tür, obwohl man doch eigentlich gar nichts kaufen wollte. Neben Büchern findet ihr hier auch allerlei Schnickschnack, Papeterie und Keramik, die man zwar auch nie braucht, aber äußerst hübsch anzusehen ist.

Und noch mal geschummelt: Wenn ihr eh in der Gegend seid, empfehle ich euch natürlich auch noch den Old Spitalfields Market (Home Square, E1 6EW) und den BOXPARK Shoreditch (2-10 Bethnal Green Rd, E1 6GY), direkt an der Shoreditch High Street Station, mit kleinen aber feinen wechselnden Pop-Up Stores.

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Brick Lane: Coffee and Food

Kahaila Cafe (135 Brick Lane, E1 6SB): Mein Favorit in Sachen Kaffee und Kuchen. Bei den Zutaten wird Wert auf ethische Standards und Regionalität gelegt. Und das Schönste: Kahaila ist karitativ unterwegs, das heißt alle Gewinne werden direkt wieder in lokale Community Projekte investiert.

Beigel Bake (159 Brick Lane, E1 6SB): Direkt neben Brick Lane Coffee findet ihr diese Institution, seit rund 40 Jahren. Das Wichtigste, was ihr über Beigel Bake, die übrigens nach alter jüdischer Tradition backen, wissen müsst: Sie haben 24 Stunden geöffnet und verkaufen euch einen Salted beef beigel. Nuff said.

Dark Sugars Chocolates (141 Brick Lane, E1 6SB): Schokolade kaufen ist auch Essen gehen. Deshalb darf ich den Laden nur in Begleitung betreten, weil ich sonst kurz eskaliere. Hier gibt es haufenweise(!) Schokolade, Pralinen und Co. in riesigen Holzschalen.

Cereal Killer Café (139 Brick Lane, E1 6SB): Sowas funktioniert nur in London (hmm… OK… und vielleicht in Berlin) – zwei Jungs beschließen ein Cornflakes Café zu eröffnen. 120 Sorten Cerealien, 30 Sorten Milch, 20 verschiedene Toppings. Und das gibt es dann zum Frühstück, zu Mittag und zum Abendessen. Der feuchte Traum jedes Müsli-Fetischisten.

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Busaba Eathai (36 Bethnal Green Road, E1 6HT): Thai food in nicht zu teuer (für Londoner Verhältnisse) und angenehmem Ambiente. Von Appetizers zum Teilen über Suppe, Wok und Currys findet sich so ziemlich alles. Busaba hat in London noch weitere Filialen; ab Frühjahr 2016 gibt’s sie dann auch in Liverpool und Manchester.

Pizza East (56 Shoreditch High St, E1 6JJ): Wenn ihr schon mal in der Ecke seid, lauft einfach noch ein bisschen weiter. Es lockt: Pizza East, Shoreditch. Schon allein das Interior Design ist einen Besuch wert – alter Fabrikhallencharme kombiniert mit kühlem, modernen Unterstatement. Die Pizza ist nicht riesig, aber dafür richtig gut (der Büffelmozzarella!), ebenso wie die marinierten Oliven, die ihr als Vorspeise bestellen könnt. Apropos bestellen: Unbedingt vorher einen Tisch reservieren. Hinterher geht’s noch auf einen Absacker in die Old Shoreditch Station (1 Kingsland Rd, E2 8DA), die nur ein paar Hundert Meter die Straße runter ist.

Disappearing Dining Club (224 Brick Lane, E1 6SA): Ein wenig versteckt im Hinterzimmer eines Fashion Stores treffen sich Dienstags- bis Freitagsabends Foodies im „Back in 5 Minutes“, dem einzigen, örtlich permanenten Projekt des Disappearing Dining Clubs. Platz ist für nichtmal 30 Personen, die Küche variiert täglich. Bis jetzt bin ich nur am Zettel am Eingang kleben geblieben und habe mir geschworen: Ich will da unbedingt mal hin. Und bis das klappt, wenn ich das nächste Mal in London bin, könntet ihr ja einfach schon mal testen und mir berichten, wie es war – Deal?

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Lust auf noch mehr Einkaufen, Essen und Kaffee? Susi von Black Dots White Spots war auch auf der Brick Lane unterwegs und ihre Tipps findet ihr hier.