„Ich würde nie nach Bukarest fliegen“, sagt mein Kollege in der Mittagspause. Der Satz sitzt. Ich hole Luft, will etwas entgegnen, aber mein Gesprächspartner legt nach: „Ich hätte einfach kein gutes Gefühl dabei.“ Ich hole zum Gegenangriff aus, aber er ist schneller: „Und so exotisch ist es auch nicht.“ „Aber überraschend!“, kontere ich und beschließe, mein Gegenüber wenigstens neugierig auf Rumänien zu machen. Dagegen sein kann ja Jeder.

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Ich erzähle von alternativen Bars und der blühenden Streetart-Szene, von Design und Patina, von der pittoresken Altstadt, in der neben liebevoll renovierten Empire-Villen noch etliche unsanierte und verwitterte Häuser stehen. Nicht umsonst wurde Bukarest vor rund hundert Jahren „Micul Paris“, Neu-Paris, genannt. Der Glanz vergangener Zeiten mag blasser geworden sein, doch wer genau und mit ein bisschen Liebe hinschaut, kann ihn noch entdecken. Die mitunter ziemlich pompösen Prunkbauten in der Innenstadt stehen Paris oder Florenz in nichts nach. Und doch fällt Bukarests Name normalerweise nicht in einem Atemzug mit den beiden Kulturmetropolen. Fataler Fehler.

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Ich hole weiter aus, erzähle von Plattenbauvierteln und vierspurigen Ausfallstraßen aus der Zeit des Sozialismus, brutalistisch anmutenden Wohnkolossen, die an Kreuzungen in den Himmel ragen, und ein paar kühnen Architekturentwürfen aus der Neuzeit. Zwischen modernen Bürotürmen und brechend vollen Shopping Malls scheinen die Rumänen in Bukarest all das aufholen zu wollen, was ihnen von Diktator Nicolae Ceausescu jahrzehntelang vorenthalten wurde.

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Dünnes Eis: Spätestens beim Stichwort Ceausescu sind alle Vorstellungen, alle Geschichten, alle Bilder und damit auch alle Vorurteile von einem bettelarmen Volk und Kindern, die unter menschenunwürdigen Umständen in völlig überfüllten Waisenheimen aufwuchsen wieder da. Die Augen meines Gegenübers sprechen Bände. Ich lasse mich nicht beirren und bleibe hartnäckig. Schließlich habe ich bei meinem letzten Besuch ein lebendiges, in die Zukunft blickendes Bukarest erlebt, das mehr sein will, als ein Symbol für die dunklen Kapitel Rumäniens.

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Ich erzähle von hippen Cafés, grünen Parks, angesagten Clubs, kleinen mit Liebe kuratierten Shops und fast unverschämt günstigen Restaurant-Preisen – nicht zuletzt, weil das Land immer noch vergleichsweise arm ist. Da lauern triste Klischees von Straßenhunden, Schwarzarbeitern und Bettlern auf Krücken gleich um die Ecke. Sicher: Mit rund 500 Euro im Monat ist das Durchschnittseinkommen der Rumänen im europaweiten Vergleich immer noch lächerlich gering. Das Leib- und Magengericht vieler Rumänen ist leider nicht umsonst Brot mit Salami – weil vom Lohn oft nicht mehr übrig bleibt. Der Hunger der Rumänen nach mehr, nach einem besseren Leben, er ist noch lange nicht gestillt.

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Gleichzeitig schafft das fehlende Geld Raum für etwas, was in vielen Ländern Westeuropas inzwischen Mangelware ist: Erfindungsreichtum, Improvisationstalent und den Willen, auch unter ungünstigen Rahmenbedingungen etwas Neues zu erschaffen. So haben Graffiti-Maler etwa im leerstehenden Parkhaus Ciclop am Boulevard Magheru gut ein Dutzend Bilder auf die Wände entlang der Auffahrten gebracht. Dort startet 2016 auch die Art Safari, ein Bukarester Kunstfestival mit zeitgenössischen Malern und Grafikern.

Auch für echte Experimente und  Zwischenlösungen hat Bukarest noch jede Menge Raum: Etwa das Atelier von Vasile Muresan, das der 50-jährige Maler sich nur einen Steinwurf von der Altstadt entfernt in einer leerstehenden Markthalle eingerichtet hat. Oder das 100 Jahre alte baufällige Gebäude auf dem Boulevardul Carol 53, wo es Ausstellungen, Jams und Lesungen gibt. Das Künstlerkollektiv, das hinter den Aktionen steht, hat mit dem Vermieter einen Vertrag zur Zwischennutzung der Räume abgeschlossen, das Haus so vor dem Verfall gerettet.

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Natürlich gibt es auch abstruse Orte, wie etwa die alte Handelskammer in der Strada Doamnei mitten im Zentrum von Bukarest, ein beindruckender Bau aus dem 19. Jahrhundert. Momentan residiert in diesen ehrwürdigen Räumen, die auch schon die Nationalbibliothek beherbergten, der wohl seltsamste Flohmarkt der Stadt, auf dem es immer auch ein bisschen nach feuchtem Keller und Zigarettenqualm riecht. Unter vergoldeten Stuckdecken und fahlem Neonlicht bieten Händler Second-Hand-Klamotten, alte Armbanduhren und Orden, Kaffeegeschirr und Handgestricktes an. Fotografieren? Streng verboten. Hundert Meter weiter kann man in zwei nebeneinanderliegenden Boutiquen, die sich in der Straße geirrt zu haben scheinen, sündhaft teures Parfüm und handgemachte Lederschuhe kaufen. Auf die sollte man aber beim wilden Tanzen in einem der vielen Clubs der Hauptstadt vielleicht besser verzichten. Wer auf diese Art von Gegensätzen steht, für den ist Bukarest genau das Richtige. Nicht umsonst wird die Stadt von manchen schon „Micul Berlin“, also Neu-Berlin genannt.

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Schließlich kommen wir doch noch auf den Palatul Parlamentului, den pompösen Parlamentspalast mit mehr als 1000 Zimmern mitten im Zentrum von Bukarest, zu sprechen: ein Ort mit brutaler Geschichte. Für den Bau dieses Protzwerks ließ Ceausescu 1977 nach einem verheerenden Erdbeben, das mit einer Stärke von 7,2 auf der Richterskala mehr als 1.500 Tote forderte, nicht nur die Ruinen der zerstörten Gebäude abtragen, sondern im gleichen Zug 40.000 Wohnungen abreißen. Nur so konnte ab 1983 Platz für den Palast und den davor liegenden Prachtboulevard mit seinen Betonfassaden im seltsam brutal und fake anmutenden Zuckerbäckerstil geschaffen werden. Um das riesige Gebäude in nur sechs Jahren Bauzeit fertig zu stellen, haben rund 20.000 Arbeiter rund um die Uhr im Schichtbetrieb geschuftet. Manche Quellen sprechen auch von bis zu einer Million Menschen, die direkt oder indirekt in die Bauarbeiten involviert waren. Entsprechend spöttisch muss die Bezeichnung „Haus des Volkes“ in den Ohren der Rumänen seit jeher geklungen haben.

Wie ein Vermächtnis des Diktators thront der Palast noch immer im Stadtzentrum – unverwüstliches Überbleibsel der Geschichte. In seinem Inneren aber und um ihn herum weht ein anderer Geist, der dabei ist, ein neues Bukarest zu schaffen, das darauf wartet, entdeckt zu werden.

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