Sie soll das Bolzenschussgerät am Hinterkopf des Lämmchens ansetzen. Dann abdrücken, um den sogenannten Hirnstamm zu zerstören. Im „besten“ Fall bekommt das Tier dann nichts mehr mit, bricht bewusstlos zusammen. Was folgt: Das Messer, das die Kehle durchtrennt. Mit dem Blut weicht auch das Leben aus dem Lamm. Reine Routine für ein Bisschen Fleisch.

Für PULS, das junge Programm des Bayerischen Rundfunks, hat Moderatorin Ariane Alter gerade den Selbsttest gewagt und sich gefragt: Kann ich ein Tier töten? In einem knapp 10-minütigen Video begleitet der Zuschauer sie vom Kennenlernen von Sven Lindauer, Metzger, über die ersten Trockenübungen an einem bereits toten Schaf bis hin zur alles entscheidenden Frage: Tötet sie ein Lämmchen, um dessen Körper anschließend zu Wurst zu verarbeiten?

Kein leichter Stoff, den die PULS Redaktion sich da vorgenommen hat. Ariane Alter bringt er, das ist deutlich sichtbar, an ihre persönlichen Grenzen. Schon deshalb lohnt es sich, dieses Video anzuschauen. Denn es räumt auf mit der blitzblanken, neonhellen Supermarktrealität, in der wir das Fleisch toter Tiere nur noch in den Einkaufswagen fallen lassen müssen – easy, clean, konsumfreundlich. An ihre Stelle treten Bilder vom Töten eines Tieres, davon, wie es zuckt und röchelt und nach seinem Ableben gehäutet wird. Dass diese Szenen beim Anschauen schwer zu ertragen sind, zeigt, wie sehr wir uns bereits von dem Prozess „hinter dem Supermarktregal“ entfernt haben, wie wenig er Teil unserer Lebensrealität ist. Können Fleischesser heute also nur noch mit einem ordentlichen Schuss wohltuender Ignoranz ihren Gaumenfreuden nachgehen?

Töten ist verwerflich. Darüber braucht in Deutschland niemand lange diskutieren – solange es um Menschen geht. Bei Tieren aber scheint es in erster Linie immer noch um den Genuss zu gehen: Das Schnitzel soll lecker sein, das Steak blutig bis medium. Dass dazu aber immer auch ein Rind, Schwein oder Kaninchen gehört, das Leid erfahren hat, getötet wurde, um unser Genussbedürfnis zu stillen, verdrängen Viele.

Wie praktisch, dass die Tiere in Supermarkt und Restaurant schon mundgerecht zerlegt sind, dass wenig an das Rind erinnert, das wir aus unserer Kindheit von der Wiese am Ende der Straße kennen. Aber sollte nicht auch dem letzten Fleischliebhaber beim Blick in die Kühltheke vom Discounter klar sein, dass ein 600 Gramm Schweinenacken-Steck für 1,99 Euro Attribute wie „tiergerechte Haltung“ oder „humanes Töten“ (was auch immer das sein soll) ausschließt? Würden wir vielleicht alle weniger Fleisch essen, wenn wir nicht so großartig darin wären, das Schlachten und den ganzen fleischverarbeitenden Prozess auszublenden?

Nicht nur, weil damit unzählige Tierleben verschont blieben, hätte es Vorteile, auf Fleisch öfter zu verzichten, sondern auch, weil es gut für unsere Gesundheit wäre: Studien belegen, dass der Konsum von (verarbeitetem) Fleisch das Risiko, an Krebs, Diabetes (Typ 2) oder Herz-Kreislauf-Leiden zu erkranken, signifikant erhöht. Warum wir so selten darüber lesen? Weil eine ganze Industrie verdammt viel zu verlieren hat – und ein Vermögen in Gegenstudien und Lobby-Arbeit steckt.

Bekannter ist da schon die Tatsache, dass die Produktion von Fleisch unser Klima beeinträchtigt: Denken wir zum Beispiel an die riesigen Mengen Methan, die von Rindern, vor allem von Milchkühen, jedes Jahr in die Welt geblasen werden18 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen gehen auf die Viehwirtschaft zurück – ein Motor für den Klimawandel. Hinzu kommt, dass fast 60 Prozent des in Deutschland verwendeten Getreides in Futtertrögen landet – zur Produktion von Fleisch, Milch und Eiern.

Seit Jahren reiht sich in der Fleischindustrie Skandal an Skandal. Mal geht es um die Haltung von Masttieren, dann ist es die Zugabe von Medikamenten, insbesondere Antibiotika, zum Futter, dann das Untermischen minderwertigen Fleisches oder die Beigabe vom Pferdefleisch, die nicht gekennzeichnet wird. Doch trotz aller Schlagzeilen ändert sich langfristig zu wenig. Zwar ist der Fleischkonsum pro Kopf seit letztem Jahr zum ersten Mal rückläufig, aber noch immer landen pro Jahr fast 60 Kilo Fleisch auf dem Teller eines jeden Deutschen. Dafür wurden im Jahr 2016 in Deutschland 59 Millionen Schweine, mehr als 3 Millionen Rinder und Kälber sowie 1 Million Schafe und Lämmer geschlachtet. Dazu kommen 1,5 Millionen Tonnen Geflügelfleisch (rund 716 Millionen Tiere). Das Traurige daran: Niemand ist heutzutage darauf angewiesen, so viel Fleisch zu essen. Leckere vegetarische und vegane Alternativen gibt es mittlerweile zuhauf.

Doch locken Rühreier mit Bacon, können solche Argumente bei Vielen nichts mehr ausrichten. Das muss ich, seit eineinhalb Jahren Vegetarierin, so hinnehmen. Denn letztlich ist das mit dem Fleisch immer noch die Entscheidung jedes Einzelnen. Eins sollte jedoch klar sein: Mit jedem Hamburger, den wir essen, sind wir zwangsweise Teil der Fleischindustrie und dem dazu gehörenden Schlachten – nur dass die meisten von uns, anders als Ariane Alter im Video, nicht selbst töten und schlachten, sondern diesen Job anderen überlassen. Hinter jedem Steak, jeder Leberwurst und jedem Schnitzel steht der Tod eines Tieres, das ein mit uns Menschen vergleichbares Schmerzempfinden hat. Und das alles für ein Bisschen Fleisch.