Mit 6 war ich felsenfest davon überzeugt, dass 7 werden der heilige Gral war. Denn mit 7, da ging man in die Schule, da wurde man schlau, schließlich lernte man zählen und die Uhr und das Alphabet. Dass 7 sein noch lange nicht der Freifahrtsschein für irgendwie alles ist, lernte ich spätestens, als einige meiner Grundschulfreunde am Montag mit dem Schauen des Tatorts am Sonntag prahlten und ich mit dem Vorschlag, es ihnen gleich zu tun, an der elterlichen Autorität gnadenlos scheiterte: Ich sei zu jung, viel zu jung, was den anderen Eltern denn einfiele und überhaupt, was die anderen Kinder in meinem Alter dürften, das würde uns nicht interessieren. Mit 7, da lernte ich also den vereinnahmenden Plural kennen.

Mit 8 fand ich Leute über 30 steinalt und dass meine Großmutter mit über 80 noch lebte, überstieg schlicht mein Vorstellungsvermögen.

Mit 9 versetzte mich die Aussicht, bald zweistellig durchs Leben zu gehen, wochenlang in Aufregung. Ich weiß nicht, ob ich irgendwie ein fantastisches Kinderbuch zu viel gelesen hatte, aber irgendwie war ich mir sicher, dass in der Nacht zu meinem 10. Geburtstag etwas unglaublich Aufregendes passieren würde – das musste einfach so sein, man schläft schließlich nicht jeden Tag als 9-Jährige ein und wacht als 10-Jährige wieder auf.

Mit 13 wollte ich unbedingt 14 sein,  mit 14 gern schon 15 und mit 15 dann 16. Welch tristes Durchhasten durch diese Jahre, die auch rückblickend keine Glanzzeiten waren.

Mit 17 erschien mir der 18. Geburtstag wie die Eintrittskarte zu einem neuen Leben. Einen Tag nach meinem 18. Geburtstag musste ich feststellen, dass es die Kopfschmerzen auch irgendwie in dieses neue Leben hineingeschafft hatten.

Mit 19 fand ich mich auf einmal furchtbar erwachsen – immerhin zog ich von zu Hause aus, wohnte fortan in meinen eigenen vier Wänden in einer fremden Stadt in der niedersächsischen Provinz, konnte nur mich selbst verantwortlich machen, wenn der Kühlschrank außer einem Glas verschimmelter Marmelade nichts hergab und redete mir ein, nie mehr zu gewöhnlichen Uhrzeiten schlafen gehen zu müssen (weil ich es konnte) – und wachte um 2 Uhr morgens mit dem Abdruck der Laptop-Tastatur auf meiner rechten Wange wieder auf.

Mit 22 ging ich für acht Monate ins Ausland, fand mich selber ganz schön weltoffen und irgendwie auch mutig, immerhin war ich „erst“ 22 und hatte mit einer 5000 km-Fernbeziehung – und überhaupt andere Kultur und so – „gar kein Problem“ – bis ich an Tag 2 weinend meine Mutter anrief und an Tag 6 Flüge nach Hause googelte.

Mit 25 fing ich an, jüngere Männer zu daten und hier und hier und da wegen meines Alters zu schummeln. Heimlich freute ich mich diebisch über jedes Ausweis-Zeigen-beim-Feuerzeug-kaufen-im-Supermarkt; offiziell nervte es kolossal. Zudem wurde mir schlagartig klar, dass der nächste runde Geburtstag der 30. sein würde und der auch noch näher als der letzte runde war. Eine Erkenntnis, die mich irgendwie nicht so richtig nach vorne brachte.

Mit 29 fühlte ich mich zum ersten Mal alt und trauerte vorsorglich einfach schon mal ein Jahr, dass ich nun bald nicht mehr twentysomething sein würde. 20+x war in meinem Kopf so lange die Formel dafür gewesen, dass alles ist möglich und ich morgen einfach noch mal von vorne anfangen kann.

Mit 30 kündigte ich meinen ersten richtigen Job und setzte alles auf Anfang, während man um mich herum fleißig heiratete und Babys machte, kurzum: „solide“ wurde. Ich umarmte die Unsicherheit, scheiterte, stand wieder auf und begann von vorne. „Nie war mehr Anfang als jetzt“ war mein Mantra.

In genau drei Monaten werde ich 32. Ich benutze Antifaltencreme für die Augen und einen anderen Tiegel für den Rest des Gesichts, ich reagiere kurz empört, wenn 18-Jährige mich siezen, um dann doch still und heimlich einzusehen, dass das wohl angebracht ist. Ich benutze vermehrt den Satz „das hätten wir früher nicht gemacht“, stelle beim Anblick pubertierender 15-Jähriger erschrocken fest, dass ich mehr als doppelt so alt bin, freue mich gleichzeitig aber tierisch darüber, wenn mir jemand ein Ü-Ei schenkt. Mein 30 Jahre altes Kuscheltier hat noch immer einen Platz in meinem Bett.

Mit 31 weiß ich anscheinend, wann ich 31 sein muss, und wann es ausreicht, 7 zu sein. Ich kann genauso gut schaukeln wie Mietverträge unterschreiben, und mit den Kindern meiner Freunde Bauklötze stapeln fällt mir ebenso leicht wie welche zu staunen, wenn am Alexanderplatz mal wieder jemand Riesenseifenblasen zaubert. Wenn ich verliebt bin, bin ich nicht weniger aufgeregt als eine 14-Jährige und beim Fußballgucken kann ich heute immer noch genauso wenig still sitzen bleiben, wie mit 8. Vielleicht ist genau das die große Freiheit, die Wahl, die wir haben: Nur so alt zu sein, wie wir uns gerade fühlen –  jetzt, in diesem Moment.