Unser Abenteuer Detroit begann mit einem Kaffee. Es endete mit schweißnassen Händen, Herzrasen und verriegelten Autotüren. 

Ein Roadtrip hat keine Regeln. Bei mir zumindest nicht. Aber da fängt die Lüge auch schon an. Denn an eine halte mich doch: „Kein Morgen ohne richtig guten Kaffee.“ Quasi der rote Faden auf unserem Trip von Chicago über die Sleeping Bear Dunes, Detroit, Cincinnati, Nashville und Memphis zurück nach Chicago. Routinen geben Halt, besonders auf Reisen, oder so.

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Meine Freundin Kayleigh und ich starten unseren Tag in Detroit dank Heikes Tipp bei Astro Coffee. Ganz in der Nähe: Die verlassene Michigan Central Station, das einst höchste Bahnhofsgebäude der Welt, die ich schon vor unserer Reise in schier unzähligen Fotoreportagen bestaunt hatte.

Detroit: Die Michigan Central Station in Corktown

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Corktown, die älteste Gegend Detroits, erlebt gerade ihren zweiten Frühling: An jeder Ecke schießen hippe Cafés aus dem Boden, mit ebenso hippen Menschen darin. Das leerstehende Hotel direkt um die Ecke der Michigan Central Station soll renoviert werden; Streetart sucht sich hier und da ihren Weg. Man merkt: Hier geht was. Vom Bahnhof selbst kann man das nicht gerade behaupten.

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Seit Jahren reiht sich hier Rettungs- an Rettungsversuch. Von draußen – rein kommt man nämlich nicht – hört man das Hämmern und Klopfen der Handwerker, die im Inneren des 70 Meter hohen Kolosses Fenster erneuern und Wasserschäden beseitigen. Von einer Wiederinbetriebnahme scheint die 1914 eröffnete Station trotzdem noch Lichtjahre entfernt. Dabei lässt das einst höchste Bahnhofsgebäude der Welt seine Betrachter noch immer erahnen, wie mondän man sich gefühlt haben muss, wenn man hier aus dem Zug gestiegen ist.

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Nach einer Runde um den schweigenden Riesen ist leider trotzdem klar: Hier kommen wir nicht rein. Also lieber weiter, zu den anderen B-Seiten Detroits – immer den Fähnchen auf Google Maps nach. Über Heikes Blog war ich schon vor der Reise auf einen Tumblr mit einer Sammlung gemalter Werbeschriftzüge aus Detroit gestoßen, viele davon mit B. Ein Zufall? Ich hatte beschlossen, das zusammen mit Kayleigh herauszufinden und war mir sicher: Es würde ein hübscher Blogpost werden, eine Entdeckungstour im urbanen Dschungel. Doch diese Rechnung hatte ich ohne mein Nervenkostüm gemacht.

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Detroit: Aufstieg und Fall der Motor City

Schon von der Interstate aus sehe ich, dass die Gegend, in die wir unterwegs sind, nicht gerade zu den wohlhabendsten gehört: Alle paar Meter ein verlassenes Haus. Wobei das in Detroit an sich nichts Ungewöhnliches ist. Der langsame wirtschaftliche Niedergang und die damit einhergehende wachsende Arbeitslosigkeit haben die Motor City seit den 50er Jahren ausbluten lassen.

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Hatte Detroit zu seinen Glanzzeiten, als die boomende Automobilindustrie ein Vermögen in die Stadt spülte, mehr als 1,8 Millionen Einwohner, leben hier heute weniger als 700.000 Menschen – viele davon in sozialer Armut. Von denen, die ihr nun Glück woanders suchen, zeugen nur noch leere Häuser, leere Viertel. Manche sprechen von bis zu 80.000 verlassenen Gebäuden in der Stadt. 2013 wurde Detroit für bankrott erklärt. Das klingt trostlos. Und genau so sieht es auch aus.

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Detroit: Das Blue Bird Inn

Unser erstes Ziel ist das Blue Bird Inn, Detroits heißester Jazz- und Hard Bob-Club  – in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Etliche Jazz-Größen, darunter Miles Davis und Charlie Parker, haben hier gespielt. Heute befindet sich das Gebäude in einem undefinierbaren, aber faszinierenden Zustand irgendwo zwischen In-die-Jahre-gekommen und Beyond-hope.

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Gleich nebenan sind Vic’s Market und E.B.T. Groceries, die ich direkt mit vor die Linse nehme. Auf einmal geht die Tür auf und ein Mann stürmt heraus. Noch bevor ich Luft holen kann, schreit er mich schon an: „What ya doin here? Wer hat dir erlaubt, ein Foto zu machen? Ich mache doch auch kein Foto von deinem Gesicht, ohne dich zu fragen! Wo kommst du überhaupt her? Es gibt hier nichts zu gucken! Was soll das? Hau ab!“

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Seine Worte kommen schnell wie Pistolenschüsse. „Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht…“ stammele ich, doch schon setzt er zur nächsten Salve an. Nur mit Mühe komme ich irgendwann dazwischen und erzähle, dass ich aus Deutschland bin, den gemalten Namen und die alte Leuchtreklame seines Ladens so toll finde und einfach nur ein Foto machen wollte. Dass es mir leid tut, dass er sich dadurch in seiner Privatsphäre gestört fühlt. Daraufhin wirft er mir vor, ich würde mich am Elend Detroits ergötzen. Alle Beteuerungen, dass ich einfach die Schilder so bemerkenswert fand, laufen ins Leere. Nach fünf Minuten habe ich genug: Ich will mich nicht weiter anschreien lassen, gebe auf, Rückzug.

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Immer noch schimpfend verschwindet der Mann in seinem Laden. Da geht die Tür des Hauses auf der anderen Straßenseite auf und ein Mann um die 50 kommt heraus, er grüßt freundlich und ruft mir zu: „Don’t worry, he’s crazy. Das wissen alle. Hoffentlich konntest du noch ein Foto machen, bevor er losgelegt hat!“ Er lächelt mich an. Ich atme hörbar auf. Anscheinend bin ich nicht die Einzige, die die Nummer gerade leicht überzogen fand. „Oh man, das war ganz schön krass“, sage ich über die Straße hinweg. „Und ja: Ich hab das Foto.“ Er lächelt noch immer. „Ich gehe dann jetzt trotzdem besser“, sage ich. „Vielen Dank für Ihre netten Worte!“ Er winkt zum Abschied.

Detroit: No Go Area

Zurück im Auto. „Was war das?!?“ Kayleigh guckt mich entgeistert an. Ich zucke mit den Schultern. „Vielleicht siehst du mit Deiner Lederjacke und der Sonnenbrille ein bisschen zu sehr nach Journalistin von der Ostküste, Taina. Ich glaube, die Leute hier sind einfach mega sensibel, was den Verfall ihrer Stadt angeht. Wahrscheinlich gab es hier einfach schon ein paar Armuts-Touristen zu viel.“ Vermutlich hat sie Recht. Alle Geschichten, die ich in den letzten Jahren über Detroit gelesen habe, drehen sich um den Untergang einer der einst wirtschaftlich stärksten Städte der USA. Dazu die Bilder des Elends, die diesen Niedergang dokumentieren, Symbole der Verzweiflung einer ganzen Region. Und klar: Natürlich hat mich das neugierig gemacht, ich wollte sehen, ob es hier wirklich so aussieht. Die B-Seite von Detroit ist ganz schön hart, denke ich, bevor wir weiterfahren.

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Nur ein Stück weiter die Straße runter liegt die Blue Ivy Beautylounge. Ich steige aus. Diesmal lasse ich die Jacke im Auto. Und auch die Kamera bleibt zurück, so ein Smartphone macht schließlich auch gute Bilder. Während Kayleigh langsam weiterfährt, mache ich bereits die ersten Fotos. Noch ein bisschen weiter nach links. „Hey yo!“ ruft es auf einmal hinter mir. Ich drehe mich um. Ein Mann lehnt aus seinem Autofenster und starrt mich an. „What ya doin?“ Nicht schon wieder. „Just taking a picture…“, sage ich und versuche, mich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. „Why?“ Ich spüre nicht die geringste Lust auf diese Unterhaltung und beschließe, kurzen Prozess zu machen: Noch 2, 3 schnelle Fotos und ich setze mich in Bewegung; Kayleigh wartet an der nächsten Ecke auf mich. Hinter mir heult ein Motor auf. Als ich mich umdrehe, sehe ich, dass der Mann im Wagen langsam hinter mir her fährt, noch immer aus dem Fenster gelehnt. Was ist hier eigentlich los? Ich lege einen Zahn zu, will zurück ins Auto. Noch ein aus der Hüfte geschossenes Foto von Mim’s Agogo Service Center, an dem ich gerade vorbeikomme, und ich lasse mich genau in dem Moment wieder neben Kayleigh auf den Beifahrersitz fallen, als der Wagen des Mannes auf unserer Höhe ist. „Holy shit, what was that?“, fragt Kayleigh und beschleunigt, ohne meine Antwort abzuwarten.

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Detroit: Nach der Apokalypse

Wir fahren durch immer ärmlichere Gegenden, immer den Fähnchen auf der Karte nach. Überall am Straßenrand sehen wir verlassene, teilweise auch abgebrannte Häuser: Feuerlegen, in Detroit ist das für Manche ein Sport in der Nacht zu Halloween und zuweilen der letzte Versuch der Hausbesitzer, sich mit der Versicherungssumme woanders ein neues Leben aufzubauen. Die Szenerie vor der Windschutzscheibe wirkt surreal, so als bewegten wir uns durch eine post-apokalyptische Szenerie, aus der das Leben fast vollständig gewichen ist. Der graue Himmel über der Stadt tut sein Übriges.

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Nur hin und wieder sehen Menschen auf der Straße, die ihr Gespräch beim Anblick unseres funkelnagelneuen Mietwagens unterbrechen und uns anstarren. Zumindest kommt uns das so vor. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir schon seit einer geraumen Weile die einzigen Weißen in der Gegend sind. Unwillkürlich frage ich mich, ob es sich genau so anfühlt, wenn man mit einer dunkleren Hautfarbe durch Deutschland läuft. Hier jetzt aussteigen, rumlaufen, Fotos machen? No way. Ich rede mir ein, dass man ja auch vom Auto aus ganz gute Bilder schießen kann. Langsamer werden, Scheibe runter und los. Meine Nervösität, die ich weder richtig greifen noch einordnen kann, versuche ich zu ignorieren. Es warten doch noch so viele B-Seiten auf uns.

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Doch es wird nicht besser: Je mehr Augenpaare uns folgen, desto schwieriger wird das Fotografieren. Irgendwann platzt es aus Kayleigh heraus: „You know, I don’t really like this. Do you see how people are looking at us? I don’t feel safe.“ Sie bittet mich, nur noch durch die geschlossene Scheibe zu fotografieren. Und was soll ich sagen? Ich kann sie irgendwie verstehen. In meinem Hinterkopf erscheinen Zahlen zu Detroits Mordrate – zehn mal höher als in New York. Mein Herz schlägt schneller, selbst wenn die Gefahr da draußen nirgends tatsächlich zu sehen ist.

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Detroit: The Heidelberg Project

Wir müssen dringend durchatmen, wieder klar denken. Also beschließen wir, erst mal zum Heidelberg Project zu fahren. Im Rahmen dieser 1986 von Tyree Guyton ins Leben gerufenen Open-Air-Art-Gallery wurden die Häuser bemalt und beklebt, die Grün- in Ausstellungsflächen für in den Straßen Detroits zurückgelassene Artefakte verwandelt. Die Grenzen zwischen Kunst, Alltagsgegenständen und Schrott sind dabei fließend – ob ein Gegenstand eine Geschichte erzählt, liegt schließlich immer in den Augen des Betrachters. Das Ziel des Heidelberg Projects: Menschen zur und durch Kunst inspirieren und so langfristig ihre Lebensbedingungen verbessern. Ursprünglich als eine direkte Antwort auf den rapiden Verfall Detroits zu verstehen, ist das Heidelberg Project in seiner heutigen Form, wenn es nach dem Willen des Initiators geht, der Grundstein für ein künstlerisch-kulturelles Dorf, mitten in der Stadt.

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Die frische Luft tut gut. Auch wenn die Straßen um die Heidelberg Street ebenso verlassen und trostlos wirken wie viele andere, gibt es in der Straße selbst doch einen Unterschied: Die Künstler haben hier den ernsthaften Versuch unternommen, dem Verfall etwas entgegen zu setzen, das Leben zu zelebrieren. In einem der Häuser wird heute Geburtstag gefeiert, die Gäste stehen von der Veranda bis auf die Straße hinunter. Lachen und Gesprächsfetzen erfüllen die Luft.

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Zurück im Auto. Ich will unbedingt noch ein paar letzte Werbeschriftzüge fotografieren. Doch schon ein paar Minuten später merken wir, dass sich die Unbeschwertheit von heute Morgen nicht mehr so recht einstellen will. Also ab Richtung Downtown, ins Museum. Wir brauchen Kontrastprogramm.

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Detroit: Detour after detour

Doch auf dem Rückweg dorthin kommen wir schon zum dritten Mal an der gleichen Gruppe Männer vorbei, die an einer Straßenecke um einen Wagen herumstehen und uns anstarren. Jedenfalls glaube ich das. Klar ist jedenfalls Eines: Wir sind im Kreis unterwegs.

Wir drücken die Knöpfe runter, biegen ab – nur, um wenig später erneut hier zu stehen, ohne die geringste Ahnung, wie wir hier wieder wegkommen sollen. Meine Gedanken überschlagen sich: Was, wenn sich jemand uns einfach in den Weg stellt und uns an der Weiterfahrt hindert? Was, wenn jemand auf unsere Reifen schießt? Die Angst vom Vormittag ist plötzlich wieder da. Und ich fühle mich unfähig, die Situation um uns herum noch irgendwie objektiv einzuschätzen.

Nach weiteren drei Runden um den Block haben wir es geschafft: Zurück auf dem Freeway, unterwegs nach Downtown. Meine Hände zittern selbst dann noch, als wir schon längst in der Nähe des Detroit Institute of Arts geparkt und damit viele Meilen und fröhlich dudelnde Radiomusik zwischen uns und das eben Erlebte gebracht hatten. „Detroit, für mich bist Du eine Gleichung mit zu vielen Unbekannten“, denke ich. So anders als alles, was ich bisher erlebt und gesehen habe, so seltsam, dass mein Bauchgefühl auf ganzer Linie versagt hat. Dass ich mir selbst und meiner Wahrnehmung nicht mehr getraut habe. So also ist das mit dem Herzrasen in Detroit.

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Detroit: Postskriptum

Meine Geschichte ist nur ein Erlebnis, ein Fragment eines sehr komplexen Gesamtzustands, in dem sich die Stadt gerade befindet. Neben den kritischen Stimmen sagen Viele Detroit ein unglaubliches Comeback voraus – eines, das ich der Stadt sehr wünschen würde, aber selbst nicht gesehen habe. Andere dafür schon: Wenn ihr etwas über die viel beschworene Renaissance der Motor City, die von Manchen schon als neues Berlin gehypt wird, lesen wollt, könnt ihr das hier tun: