Majestätisch schwingt sie sich auf, in die Lüfte Cincinnatis. Ich schaue nach oben. Wohin ich blicke: Tauben – die ich eigentlich nicht mag. Aber die hier sind anders: Elegant, schön – und überlebensgroß auf eine riesige Hauswand gemalt. Ich fühle mich winzig vor diesem Bild, das mehr als sechs Stockwerke vor mir aufragt. Hauptdarstellerin des Gemäldes: Martha, deren Tod 1914 im Zoo von Cincinnati das Aussterben der Wandertauben besiegelte: verewigt in einem Mural von John A. Ruthven – einem der Herren der Bilder.

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Vor unserem Abstecher nach Ohio hatte ich Cincinnati zugegeben nur mal kurz gegoogelt – und das Ergebnis genauso schnell in eine Schublade gesteckt. Von den Fotos, die die Suchmaschine ausspuckte, starrten mir die gleichen nichts sagenden fünf bis zehn Bürotürme entgegen, die es auch in jeder anderen US-amerikanischen Großstadt gibt: abends selbstverständlich beleuchtet, damit das mit den Postkarten von „Cincinnati by Night“ auch funktioniert. Drumherum, so suggerierte Google mir, vermutlich wenig bis nichts. Eineinhalb Tage würden für eine Stippvisite völlig reichen.

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Doch Cincinnati belehrte mich eines besseren: Statt grauer Tristesse in Form austauschbarer Betonblöcke im Zentrum schlängelte sich der Weg zu unserer Freundin Jenna entlang der vielen kleinen hübsch anzusehenden Häuschen mit obligatorischer Veranda immer weiter bergauf, den Ohio River hinter sich zurücklassend. Cincinnati schien vor allem eins zu sein: Gemütlich. Der Abend endete nach einem Abendessen mit Blick aufs Wasser, anschließendem Übersetzen mit der Fähre nach Kentucky und Eis im Hörnchen hoch oben mit einem atemberaubenden Blick über die erleuchtete Stadt – das schon jetzt viel mehr zu sein schien, als Google ihr zugetraut hatte.

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Am nächsten Tag überraschte uns Cincinnati mit gleich drei Highlights: Zum einen führt eine etwas kleiner geratene, dafür aber ältere Version der New Yorker Brooklyn Bridge über den Ohio River rüber nach Kentucky. Zum anderen gibt es in Downtown mit dem Contemporary Arts Center ein erstklassiges Kunstmuseum. Dass es in der knapp 300.000-Einwohnerstadt dann auch noch ganz viel Kunst unter freiem Himmel gibt, ist den Herren der Bilder, wie ich sie nenne, zu verdanken. Ihre Werke haben uns völlig überrascht, hatte das Internet uns zuvor doch absolut gar nichts über Streetart in Cincinnati verraten. Und so grüßt mitten in der Stadt nur wenige Straßen von John A. Ruthvens Tauben entfernt der Politiker Jim Tarbell von Tim Parsleys Mural „Mr. Tarbell Tips His Hat“ herunter und Tom Wesselmanns „Still Life #60“ erweckt den Eindruck, als sei die Besitzerin des Lippenstifts nur kurz verschwunden, um ein paar Sekunden später in Parfümwolken gehüllt wieder aufzutauchen. Nicht zu vergessen: Shepard Fairey, den man, wenn nicht von der weltweiten Obey Giant-Kampagne, spätestens kennt, seitdem er 2008 für den Wahlkampf von Barack Obama das weltberühmte Hope-Plakat entwarf.

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Seit 2007 wurden viele ehemals triste Fassaden Cincinnatis zu wahren Meisterwerken. Schuld daran ist das ArtWorks-Projekt, bei dem die Hände vieler begabter Nachwuchskünstler dabei helfen, die Bilder lokaler, aber auch international bekannter Künstler an die Wand zu bringen: darunter Werke des inzwischen verstorbene Lokalmatadors Charley Harper, des US-amerikanischen Porträtmalers Frank Duveneck aber auch die des Karikaturisten C.F. Payne. Und alles nur, weil Cincinnatis ehemaliger Bürgermeister Mark Mallory zu Besuch in Philadelphia war: Dort sind in mehr als 30 Jahren über 3.000 neue Wandgemälde entstanden, die nun das Stadtbild verschönern. Mallory war schwer begeistert von der Idee und beschloss, in jedem der 52 Stadtteile Cincinnatis ein Mural anfertigen zu lassen. Inzwischen zieren mehr als 100 großformatige Kunstwerke die Stadt, die jeden Besucher, der vorher zu sehr auf Google vertraut hatte, in Erstaunen versetzen. Die Herren der Bilder haben ganze Arbeit geleistet.

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Ihr wollt Cincinnati auf eigene Faust erkunden? Mit der Mural Map von ArtWorks habt ihr alles im Blick. Ansonsten könnt ihr euch aber auch einfach einer der Mural Tours anschließen und euch alles über die Outdoor-Gallery Cincinnati erzählen lassen – sagt ihr Bescheid, wenn ihr dort wart und bringt Bilder mit?