„Kein Stress!“ ist das Erste, was Lina zu uns sagt, als wir sie im Flugzeug kurz nach der Landung in Vilnius entschuldigend anschauen, weil wir es nicht schnell genug zwischen alle anderen in den Gang geschafft haben, der offenen Flugzeugtür entgegen. Lina, die am Fenster sitzt, muss warten. Wie wir.

Während wir am Gepäckband nach unserem Koffer Ausschau halten, erzählt Lina uns von Litauen, ihrem Heimatland, das wir gerade zum ersten Mal betreten – und in das sie jetzt zurückkehrt, nach vier Jahren in Deutschland. Zwischen Gesprächsfetzen über Zeppeline („Cepelinai“, kleine Kartoffelklöse gefüllt mit Hackfleisch oder Quark), die Parlamentswahl vorletzte Woche Sonntag und den Auswanderungstrend unter jungen Litauern tauschen wir Nummern aus.

Drei Tage später laufen wir bei frostigen 2 Grad im gelben Licht der Straßenlaternen durch Kaunas, Litauens ehemalige Hauptstadt im Herzen des Landes – und Linas alte und neue Heimatstadt. Das einzige Foto, das wir an diesem Abend machen, ist das eines Murals, das vor ein paar Jahren bei einem Kunstfestival entstanden ist und kurz danach fast wieder übermalt worden wäre, hätten die Bewohner von Kaunas sich nicht für den Erhalt eingesetzt.

Kurze Zeit später flüchten wir uns in den Hinterhof eines Puppentheaters, das Lina aus ihrer Kindheit kennt, versuchen einen älteren Mann auf seinem blauen Klappfahrrad mit tief in die Stirn gezogener Fellmütze abzuschütteln. Er war uns schon einer Weile gefolgt, ohne jedoch nach Geld zu fragen. Gerade als wir glauben, dass er aufgegeben hat, kommt er durch die Toreinfahrt auf uns zugestrampelt, hält an und sagt: „Verzeihen Sie bitte meine schlechten Manieren, und dass ich Sie anspreche, aber ich habe gehört, dass Sie Deutsch reden. Es ist doch Deutsch, oder?“ Er spricht langsam und mit litauischem Akzent, aber fehlerfrei.

Der Mann ist 75 und seit 12 Jahren im Ruhestand. Zuvor war er mehr als 30 Jahre lang Professor für Physik in Kaunas. Deutsch hatte er schon in den 60er Jahren gelernt. Wir sprechen über seine Leidenschaft für Fremdsprachen (gerade lernt er Hebräisch), Litauen nach dem Untergang der Sowjetunion und sein liebstes Hobby: Lindy Hop tanzen. Denn heute, in einem freien Litauen, darf er das endlich. Seine Augen strahlen zwischen Mütze und Bart, als er das sagt.

So treffen wir an diesem Oktoberabend im Herzen Litauens zwei Menschen, die vor wenigen Momenten noch Fremde waren, erfahren unerwartet viel über das Land, die Menschen hier und ihre Träume. Und genau für solche Momente reisen wir.