Ich habe eine Mission: Ich möchte rausfinden, wie finnisch ich bin. Klingt seltsam, ist es aber schon gar nicht mehr so sehr, wenn man weiß, dass mein Name finnisch ist. Wie ich dazu kam, ist schnell erzählt: Meine Eltern hatten in den Siebzigern bei einem Chor-Austausch mitgemacht, verliebten sich in Landschaft und Lebensstil, knüpften Freundschaften und als ich dann unterwegs war, war klar: Das Kind soll Taina heißen. So weit, so einfach – auch wenn ich die Variante „Meine Oma/Ur-Oma/Ur-Ur-Oma war Finnin.“ viel cooler gefunden hätte. Aber hej, man kann nicht alles haben. Und weil ich nun mal heiße, wie ich heiße, war mein erstes Mal Finnland diesen Sommer irgendwie noch ein bisschen aufregender als sowieso schon. Vielleicht würde es in Helsinki ja zum allerersten Mal klappen, dass jemand auf Anhieb meinen Namen richtig ausspricht – und nicht „Tina“, „Ta-Ina“ oder „Tania“ sagt. Und wenn ich dann sogar noch jemanden mit genau dem gleichen Namen träfe… Ihr seht schon, man entwickelt seltsame Wünsche, wenn man Taina heißt.

helsinki welcome tasche design museum ohrringe lokal collage wasmitbMit einer ellenlangen Liste an Fragen zu Finnland und den Finnen steige ich an einem Freitag im August in den Flieger nach Helsinki. Offiziell fahre ich für Nina aufs Flow Festival. Inoffiziell hat mir das Schicksal genau vier Tage Zeit geschenkt, zu beobachten, nachzufragen und zu ergründen, wie dieses Land so tickt – und ob nicht auch in mir eine ausgemachte Finnin steckt. Schon an der Rezeption des Hotels wird klar, was anders ist: Kein Stirnrunzeln und auch kein Nachfragen, als ich meinen Namen sage. Das nenne ich eine willkommene Abwechslung.

Der Weg zum Festivalgelände in Helsinki verrät die Stadt: Jugenstil trifft Neoklassizismus. Schnörkel? Fehlanzeige. Irgendwie mag ich das alles auf Anhieb, auch wenn der Unterschied zu Prag, wo ich nur eine Woche zuvor bei Bric à Brac war, gerade gefühlt nicht größer sein könnte.

Auch auf dem Flow bemerke ich spontan Unterschiede: Statt des mir so vertraut gewordenem Berliner Schwarz-in-Schwarz oder auch Grau-in-Weiß-in-Schwarz tragen die Finninnen hier schreiend bunte Kleider, übersät mit Mustern. Dazu knalliger Lippenstift, übergroße Sonnenbrillen und jede Menge Old-School-Tattoos. Die trauen sich was, denke ich, und schaue an meinem Jeans-mit-T-Shirt-Outfit hinunter. Mit dem nordischem Minimalismus vorhin in Helsinkis Straßen haben finnische Fashion-Freuden jedenfalls nicht viel gemeinsam. So richtig kriege ich das in meinem Kopf nicht zusammen.

Wie es doch zusammenpasst, erfahre ich am nächsten Tag beim Brunchen mit Meira. Sie arbeitet offiziell fürs Flow und ist hier für das internationale Presseprogramm verantwortlich. „Mach Dir keinen Kopf“, sagt sie und zwinkert mir zu: „Quietschbunte Musterexplosionen, die du zum Beispiel bei Marimekko siehst, finden die Finnen selbst auch ziemlich ‚laut‘. Aber in Finnland ist das schon lange Teil unserer Kultur; wir sind quasi damit aufgewachsen. Deshalb kommt es uns nicht mehr ganz so auffällig vor, wie dir jetzt vielleicht.“

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helsinki papershop ueberblick schachteln collage wasmitbMein Besuch im Designmuseum in Helsinki am nächsten Tag wird das, was Meira sagt, bestätigen. Vorher will ich von ihr aber noch wissen, ob die Finnen manchmal ähnlich reserviert sind, wie man das von uns Deutschen ab und an behauptet: „Das traf eher noch auf meine Eltern und Großeltern zu“, erzählt Meira und lacht. „Unsere Generation ist anders, offener. Und das merkt man hoffentlich auch.“ Stimmt, denke ich, und nutze die Gelegenheit, sie noch ein bisschen auszuquetschen, während wir uns durch allerlei libanesische Köstlichkeiten probieren. Wir finden heraus, dass Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Ordnung Dinge sind, die in Finnland mindestens ebenso wichtig sind wie in Deutschland. „Wahrscheinlich arbeite ich deswegen so gern mit Deutschen zusammen“, sagt Meira, „das ist einfach weniger anstrengend, weil wir die gleichen Prioritäten setzen.“ Auch Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit seien in Finnland sehr wichtig, erzählt sie. „Wenn ich etwas verspreche oder anbiete, dann meine ich das auch so. Da sind wir Finnen glaube ich wie ihr Deutschen: Sehr direkt und straight to the point. Vielleicht sind wir deshalb umgekehrt auch so schlecht im Smalltalk.“ Sie lacht und ich weiß genau, was sie meint.

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finnisches design helsinki design museum ittala wasmitb24 Stunden später stehe ich schließlich in Helsingfors im Designmuseum: ein hübscher Bau, in dem ich den Geheimnissen der finnischen Alltagskultur auf der Spur bin. Von Möbeln, über Porzellan, Klamotten und Accessoires findet sich hier alles, was das Designerherz begehrt. Auf den Tafeln und Schildern vor den Ausstellungsvitrinen lese ich, dass in Finnland die Entwicklung von gut designten Möbeln und Gebrauchsgegenstände vor allem eine Reaktion war: auf die zunehmende Verstädterung der 1920 Jahre, der man mit für alle erschwinglichen Produkten mit klaren Linien, die das Gefühl von Großzügigkeit in den doch recht kleinen Wohnungen der Finnen schaffen sollte, begegnete. Die Funktion stand dabei – wie zur gleichen Zeit auch in Deutschland – an erster Stelle; gut funktionierende Objekte würden das Leben der meisten Finnen erleichtern, verbessern, ja verschönern.

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finnisches design helsinki design museum skianzug fuechse collage wasmitbIn den Dreißigern eröffneten erste Designshops und -firmen in Helsinki, deren Boom mit dem Zweiten Weltkrieg zum Halten kam. Als wieder Frieden herrschte, halfen knallbunte Farben und schön gestaltete Waren den Mangel der Kriegsjahre zu kompensieren. 1952 fanden Olympische Spiele in Helsinki statt. Finnisches Design mit seinen klaren Formen und Mustern wurde endgültig zum weltweiten Exportschlager.

Geblieben ist bis heute die Liebe der Finnen zu natürlichen Werkstoffen. „Dass wir oft auf Holz, Ton und Wolle zurückgreifen, hat bei uns Tradition“, erzählt mir die Inhaberin des kleinen, wunderbaren Lädchens Lokal (Annankatu 9, 00120 Helisnki). „Als Volk hatten wir wegen der Kriege oft wenig bis nichts. Uns blieb nur, was wir draußen in der Natur fanden. Daran haben wir festgehalten.“

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finnisches design helsinki lokal holzkloetze wasmitbVom Observatoriebergets-Park aus lasse ich meinen Blick über den Hafen und den Dom schweifen. Vier Tage lang bin ich in Helsinki eingetaucht in die finnische (Festival)Kultur, habe den Modemut der Finninnen bewundert, Design-Shops durchstöbert, die man am besten ohne Geldbeutel betritt, mich von der Sommersonne küssen lassen und ganz fürchterlich gefroren, sobald sie unterging. Ich habe mich durch Streetfood-Stände geschlemmt, bin doch noch kurz bei Marimekko eskaliert, habe die buntesten Outfits, die mein Koffer hergibt, heraus gekramt, und über den nächsten Lippenstiftkauf sinniert. Nach eingehender teilnehmender Beobachtung kann ich nun außerdem sehr fundiert behaupten, dass die liebsten Festivaldrinks der Finnen Happy Joe und Long Drink heißen.

Erst am letzten Abend auf dem Festivalgelände komme ich dazu, Leena und Anna von Music Finland zu fragen, ob sie meinen Namen nicht noch einmal aussprechen und ich sie dabei aufnehmen kann. Denn dass der aus dem Mund der Finnen anders klingt, war mir schon am ersten Tag aufgefallen. Die drei Sekunden, die Leena mir danach auf mein iPhone gesprochen hat, hüte ich seitdem wie einen Schatz. Und jedes Mal, wenn ich auf „Play“ drücke, fühle ich mich irgendwie ein bisschen finnischer.

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