Das schaffst du doch! Und das, und das auch noch. Du musst einfach nur ein bisschen mehr aufs Gas drücken, ein klitzekleines bisschen. Dann kommt der Durchbruch, Du wirst sehen, ganz nach oben, wo es schöner ist und sicher. Was aber, wenn dieses Gas geben schon ein paar Jahre dauert und Du Dich fühlst, wie ein Flugzeug, das versucht, vom Boden abzuheben und das Ende des Runway näher und näher kommt? Wenn zum Greifen nahe Ziele am Ende doch unerreichbar bleiben, obwohl Du unermüdlich rennst, rastlos und bald auch ratlos?

Ist „bis zum get no“ das neue „gut“?

Unvermittelt tauchen Fragen auf: Sind Grenzen immer da, um ausgereizt oder gar durchbrochen zu werden? Ist „mehr“ immer „besser“? Ist das Leben jenseits der Komfortzone automatisch lebenswerter? Ist der Ausnahmezustand das Maß der Dinge? Ist „bis zum get no“ das neue „gut“?

Ja, insistiert die „Initiative Neue soziale Marktwirtschaft“ schon seit Ende der Neunziger: raus aus der Lethargie, rein ins Risiko. Leistung und Erfolgsdenken als Heilsbringer für Fortschritt und Zukunft. Als Kampagne deutscher Unternehmerverbände ist das kein Wunder: weniger Regulation, mehr Flexibilität, mehr Leistung – und damit auch höhere Profite.

„33 Ideen für ein gutes, wildes Leben“

„Bist Du gut genug?“, „Wie motiviert bist Du?“, „Break every rule!“ drucken Magazine wie NEON, Wired oder der Stern immer wieder provokativ, wenn auch nicht ohne Augenzwinkern, auf ihre Titelblätter: „33 Ideen für ein gutes, wildes Leben“, „Tu es!“, „Leichter schlank!“, „Finde Dein Glück!“. Dazwischen auch nachdenkliche Headlines wie die von Brand 1: „Zack zack, ruck zuck, wozu?“, „Kauf, Du Arsch!“, „Montags könnt‘ ich kotzen!“ oder „Nichtstun“.

Auch Blogger, die bis zum Anschlag durchziehen, gelten bei Vielen als bewundernwert. Das Maß aller Dinge: Maximale Reichweite. Um sie zu erzielen, greifen nicht wenige Schreiber tief in die Selbstoptimierungskiste – gezwungenermaßen. Denn die große Konkurrenz belebt nicht nur das Geschäft, sie kann auch erbarmungslos sein: Unter fünf Snapchat- oder Facebook-Posts täglich geht nichts mehr. Dazu hier die Roomtour, da der perfekt inszenierte Frühstückstisch, dort der ach so idyllische Familienausflug zu Ikea – und immer schön in die Kamera lächeln! Abends schnell die Bucketlist mit den aufregenden Reisezielen für die nächsten fünf Monate updaten. Und in der Nacht noch den Artikel zu Ende schreiben: „Fünf Dinge, die Deinen Erfolg bremsen, wenn Du nicht aufpasst…“.

Neue Runde, neues Glück

Wer die Gas-geben-Philosophie verinnerlicht und den daraus resultierenden Parcours aus Deadlines, To-do-Listen und unbezahlten Überstunden übersteht, dem können auch überdurchschnittliche Gewinne winken. Das versprechen die Gesetze des Marktes. Wer scheitert, dem bleibt neben gewonnener Erfahrung und verpuffter Zeit – hoffentlich – das, was man braucht, um über die Runden zu kommen – und das Mitleid derer, die sich durchgesetzt haben. Neue Runde, neues Glück! Weiterhechten. Fokussiere das Ziel! Und schau bitte nicht nach links und rechts, und schon gar nicht in den Abgrund! Nächstes Mal kannst Du der Gewinner sein!

Doch was haben wir vom Leben, wenn wir uns gegenseitig immer weiter beschleunigen? Wenn keiner „Stopp“ sagt? Wie merken wir, wann viel „zu viel“ ist? Und wie würde sich unser Leben verändern, hielten wir öfter inne? Radtour statt Triathlon, Picknick statt Sterneküche, Geschichten vorlesen statt Blogmarathon, meditieren statt brainstormen, durchatmen statt hetzen. Wie fühlt sich das an?

Mut zum Mittelmaß

Ich erinnere mich an meine Eltern mit ihrem Mut zu realistischen und vielleicht auch unaufregenden Zielen. Sie zogen in eine mittelgroße Stadt, leben mit mittlerem Gehalt in einer mittelgroßen Wohnung, gehen normalen Hobbys nach und sagen, dass sie ganz zufrieden sind – sogar mit den ganz okayen Leistungen ihrer Kinder. Verdienen sie deswegen weniger Respekt als Extrembergsteiger oder Supermodels?

„Es braucht nicht viel, um glücklich zu sein“, sagt eine alte deutsche Lebensweisheit. Doch Attribute wie „genügsam“, „bescheiden“ oder „selbstzufrieden“ – in unserer Gesellschaft sind sie dennoch immer auch negativ konnotiert. Wer gibt schon zu, dass er den Müßiggang liebt, dass er ein Fan des Status quo ist, ja, dass er Samstagsabend gern zuhause bleibt, gar zufrieden ist mit seinem Leben? Den Mut zum Mittelmaß entdecke ich heute nur bei der Minderheit meiner Freunde. Die meisten haben einen Uniabschluss. Und der soll sich bezahlt machen. Wer will schon ein nettes Durchschnittsleben, das nicht Instagram-tauglich ist?

Willkommen bei der Jagd nach dem next big thing

Ohne Projekte, ohne Baustellen, ohne DIY bist du nichts. Höchstens lethargisch. Oder einfallslos. Und so hetzen wir weiter, von Projekt zu Projekt, von Job zu Job, vielleicht auch von Partner zu Partner. Getrieben von der Angst, etwas im Leben zu verpassen, nicht das Möglichste herauszuholen und vielleicht irgendwann sagen zu müssen „Ich habe lieber auf der Couch gelegen“. Willkommen bei der Jagd nach dem next big thing. Dem Durchbruch, dem imaginären Zeitpunkt, an dem endlich „alles gut ist“. Diesem fiktiven Punkt, markiert durch Wohlstand, Schönheit und Sorglosigkeit, an dem wir endlich beschließen dürfen, zumindest für eine Weile den Gang raus zu nehmen. Denn wenn erstmal alle Punkte auf der To-do-Liste abgehakt sind, dann, ja dann können wir auch wirklich mal Luft holen. Zumindest kurz.

„Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Auch das ist ein altes deutsches Sprichwort. Aber es ist auch die Lizenz, zu unserem eigenen Antreiber zu werden, Jäger unserer Selbst, pfeilschnell, den Kopf in den Wolken – da, wo die Luft dünn ist und man die Füße nicht mehr sieht. Wir peitschen und peitschen, vorwärts, immer vorwärts, kein Blick zurück, ohne zu wissen, was unser Ziel ist. Und doch glauben wir, dass wir, wenn wir erst dort angekommen sind, eine bessere Version unserer Selbst sein werden. Anderenfalls hätte sich „Höher, schneller, weiter“ ja gar nicht bezahlt gemacht. Und das, das kommt in unserer Welt nicht vor

Höher, schneller, weiter? Wie siehst Du das? Schreib in die Kommentare!