Gleich gegenüber vom Bahnhof liegt es: Groß, grau, stumm – und irgendwie traurig. Die Fensterläden geschlossen, der Eingang verrammelt, für ein Wochenende ist hier schon lange niemand mehr eingekehrt. Die Rede ist vom längst verlassenen Hotel „Zehnpfund“ in Thale am Harz, dem einst größten Sommerhotel Deutschlands. Sein berühmtester Gast: Theodor Fontane. Mit dem Anschluss ans Eisenbahnnetz 1862 wurde Thale bald zum aufstrebenden Urlaubsort für die Berliner und Magdeburger: Der Tourismus entdeckte das kleine Städtchen im Harz gewissermaßen für sich. „Kaum hielten die ersten Züge in Thale, hat auch schon das damals berühmte Hotel ,Zehnpfund‘ mit seinen 120 Zimmern und Suiten aufgemacht“, weiß Dr. Harald Watzek.

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Der 84-Jährige ist Thale-Kenner. Einst war er Leiter der Forschungsabteilung im Eisenhüttenwerk des Ortes, das sich bis kurz nach der Wende auf einem riesigen Areal auf der anderen Seite des Bahnhofs erstreckte. Watzek lebt seit Mitte der Fünfziger in Thale. Mit der Geschichte des Ortes und auch des einst prominenten Hauses am Friedenspark ist er vertraut. „Gebaut wurde das Hotel 1863 von der Magdeburger-Halberstädter Eisenbahngesellschaft. Dann wurde es 1864 vom Bremer August Franz Zehnpfund aufgekauft“, erzählt er uns. Danach sei das Hotel in Thale rasch zu einem Ort für die feine Gesellschaft geworden.

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Auch der Schriftsteller Theodor Fontane gehörte zu den illustren Gästen, die dem Hotel schon in dessen ersten Jahren einen Besuch abstatteten. Im Sommer 1868 verbrachte er das erste Mal Zeit in Thale. Offenbar gefiel es ihm so gut dort, dass er noch drei weitere Male ins „Zehnpfund“ zurückkehrte. Wie verliebt Fontane in den Harz und das Hotel war, lässt sich in „Cécile“ nachlesen. „Die Novelle spielt im ,Zehnpfund’“, erzählt Harald Watzek, „sogar die Straßen und Wege, auf denen der Dichter durch Thale und die Umgebung wandelte, lassen sind in dem Buch gut wieder erkennen.“ Und auch das Vorbild zu seiner berühmtesten Romanfigur traf Fontane im Sommerhotel am Harz: Eine Engländerin, welcher der Schriftsteller seine unglückliche Effi Briest nachempfand.

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Hotel Zehnpfund in Thale: Vom Sommerhotel zum Lazarett

Doch wie so oft in der Geschichte war auch in Thale der Glanz, den der Nobeltourismus brachte, nicht von Dauer: Als der Erste Weltkrieg ausbrach, wurde das Hotel über Nacht zum Lazarett – während im Eisenhüttenwerk auf der anderen Seite der Gleise nun vor allem Stahlhelme vom Band liefen. Im heute baufälligen Wintergarten des Hotels über dem Eingang befand sich zu dieser Zeit der OP-Saal – mit bester Aussicht auf den Park vor dem Haus. Heute ist das Betreten des Wintergartens streng verboten. Nach dem Krieg war die Hotelzeit im Haus Zehnpfund ein für alle Mal vorbei – auch, weil sich das Eisenhüttenwerk und das Label „Kurort“ für Thale auf lange Sicht nicht miteinander vereinbaren ließen.

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„Als Thale 1922 endlich das Stadtrecht bekam, wurde das ,Zehnpfund‘ zum Rathaus“, sagt Watzek, „später war es – unter anderem – Krankenkasse, Sparkasse und Waisenhaus.“ Während der DDR-Zeit zogen eine Schule und die Stadtbibliothek hier ein – und, fast eine Ironie des Schicksals, auch die Buchhaltung des benachbarten Hüttenwerks. Vor allem im Winter offenbarte das einst so prächtige Sommerhotel den neuen Nutzern seine Schwächen: Für den Betrieb in der kalten Saison war der riesige Fachwerkbau einfach nicht ausgelegt. Heizen wurde zur Sisyphos-Arbeit.

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2003: Das endgültige Aus für das einst prächtige Hotel

Trotzdem hielt die Stadtverwaltung von Thale auch nach der Wiedervereinigung zunächst an ihrem Rathaus fest – obwohl das Gebäude wegen der hohen Kosten als unsanierbar galt. „2003 sind die Rathausmitarbeiter in ein neues, modernes Gebäude am alten Güterbahnhof von Thale umgezogen“, sagt Watzek. „Für das ,Zehnpfund‘ jedoch hat sich auch heute noch kein Investor gefunden, der das Hotel wieder zum Leben erwecken will.“ Nur der große Speisesaal im ersten Stock des Mittelflügels habe nach der Schließung des Rathauses noch einmal glänzende Zeiten erlebt – als Ort für Tanzveranstaltungen und Zeugnisfeiern.

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Heute, 2017, sind die Türen des Hotels fest verschlossen. Drinnen kann der Zahn der Zeit ungestört nagen – am einst so prächtigen Festsaal, den vielen so unterschiedlich tapezierten Zimmern unterm Dach und der noch immer einen Hauch von weiter Welt verströmenden Eingangshalle. „Zuletzt gab es Pläne, aus dem ehemaligen Sommerhotel eine Seniorenresidenz zu machen“, erzählt Harald Watzek noch. Doch das große Werbebanner, mit dem an der Fassade dafür Reklame gemacht wurde, ist schon seit Monaten wieder weg. Es scheint, als sei das „Zehnpfund“ endgültig dem Verfall geweiht.

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