Als ich klein war, sind wir gefühlt jeden Sommer in die Türkei geflogen: Antalya, Side, Fethiye, Kemer – jedes dieser Ferienparadiese an der türkischen Riviera kannte ich. Jahr für Jahr tauchten wir ein in die türkische Kultur, lernten Land und Leute kennen und schätzen. In die Türkei zu fliegen, das wurde zur sommerlichen Gewohnheit, das Land zu einem Herzensort in der Ferne. Damals wusste ich noch nicht, dass ich viele Jahre später an der Uni Lehrveranstaltungen zur Türkei besuchen, mich in meiner Magisterarbeit mit ihr auseinandersetzen und einen Sommer dort an der Uni verbringen würde – und auch nicht, was bis heute aus diesem Land, das mich seit meiner Kindheit in so vielfältigen Formen begleitet hat, werden sollte. Wie konnte es so weit kommen? Ein Erklärungsversuch.

Es wäre zu leicht, zu sagen, dass man es, rückblickend, hätte kommen sehen müssen. Und doch muss ich immer wieder daran denken, dass ich schon 2006 bei der Recherche zu Recep Tayyip Erdoğan über Punkte in seiner Biografie gestolpert bin, die ich mich haben stutzig werden lassen. Er selbst besucht eine der religiösen Imam-Hatip-Schulen; seine Töchter schickt er zum Studium in die USA, um das Kopftuchverbot an türkischen Universitäten zu umgehen. Die Wohlfahrtspartei, in der Erdoğan sich engagiert, wird 1998, da ist Erdoğan seit vier Jahren Bürgermeister von Istanbul, aufgrund dem Laizismus widerstrebender Tendenzen verboten. Wenig später gerät auch Erdoğan selbst in das Visier der Justiz: Er rezitiert ein Gedicht des Schriftstellers Zita Gökalp („Minarette [sind] Bajonette, Kuppeln [sind] Helme, Moscheen sind unsere Kasernen, Gläubige [sind] Soldaten“) und wird zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Wieder auf freiem Fuß gründet er seine eigene Partei, die AKP. 2008 scheitert ein Verbotsantrag wegen anti-laizistischer Aktivitäten gegen sie nur knapp.

„Mekka fürs Herz – Brüssel für den Verstand“

Erdoğan – ein religiöser Hardliner an der Spitze der Türkei? Seine Anfänge als türkischer Ministerpräsident 2003 lassen zunächst Anderes vermuten: Unter seiner Führung schlägt die Türkei einen pro-europäischen Kurs ein. Das Ziel: Der Beitritt zur EU. Erdoğans Maxime: „Mekka fürs Herz – Brüssel für den Verstand“. Konnte man der Kehrtwende Erdoğans zum Vorzeigeeuropäer glauben? Zweifel an dem Weg der Türkei unter Erdoğan hatte ich schon damals.

Über die letzten Jahre habe ich die Nachrichten aus der Türkei zunehmend mit Stirnrunzeln verfolgt: Als 2013 Bürgerproteste gegen die türkische Regierung von der Polizei gewaltsam niedergeschlagen und tausende Personen verhaftet werden, sind das tiefschwarze Wochen für die Demokratie in der Türkei. Die Abwärtsspirale ist in vollem Gang. Entsprechend wenig überrascht war ich zunächst, als im Sommer 2016 die Eilmeldungen zum Putsch-Versuch durch das türkische Militär über den Ticker flitzten – versteht sich die Armee doch traditionell als „Hüter der Revolution“ Atatürks, durch die die Türkei sich abkehrte von einem maßgeblich durch den Islam geprägten Staatssystem. Und nichts weniger als das ist es auch, was in der Türkei auf dem Spiel steht: Das Erbe Atatürks.

„Bloß keine Diktatur von außen“, sagen viele Türken

Auch wenn der Großteil meiner türkischen Freunde Jahr für Jahr am 19. Mai, dem Tag, an dem man Atatürk landesweit gedenkt, auf Facebook Fotos von Mustafa Kemal Pascha postet und, im Gegenzug, wenn das Gespräch auf Erdoğan kommt, die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, dürfen wir nicht vergessen, dass Erdoğan von vielen Türken, in der Türkei und auch in Deutschland, unterstützt wird. Glaubt man den Wahlergebnissen, sind es bei der Parlamentswahl im November 2015 fast 50 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung. Was aber macht Erdoğan für sie so attraktiv?

Anfangs war das sicherlich der Wunsch, endlich am wirtschaftlichen Aufschwung der Türkei teilzuhaben und natürlich die Aussicht eine EU-Mitgliedschaft der Türkei. Heute sind sind es wohl eher Verunsicherung, Angst sowie der Wunsch nach einer starken Hand. Und natürlich ist da auch der Wunsch nach einer selbstbestimmten politischen Agenda der Türkei – eine, die in erster Linie die Zukunft des eigenen Volkes in den Fokus rückt und sich nichts, aber auch gar nichts, von vermeintlich stärkeren Mitspielern diktieren lässt: Ein Phänomen, dass wir seit einigen Jahren überall in Europa beobachten.

„Erdoğan weghupen“

Heute hat mich auf meinem Weg nach Hause ein Autokorso überholt, einer der sich unter dem Motto „Erdoğan weghupen“ für die Freilassung für den inhaftierten deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel stark macht. Heute erfahre ich aus den Nachrichten, wie Präsident Erdoğan die Absagen an türkische Ministerauftritte in Deutschland mit Nazi-Methoden vergleicht. Heute frage ich mich, wo sie hin ist, die Demokratie in der Türkei.

Seit nunmehr 14 Jahren gestaltet Erdoğan die Türkei langsam aber beharrlich nach seinen Vorstellungen zu einem autoritären Regime um und verabschiedet sich, ohne einen Hehl daraus zu machen, vom Erbe Atatürks. An der Mitgliedschaft in der europäischen Staatengemeinschaft scheint er schon lange nicht mehr interessiert. An ihre Stelle ist das Bild einer starken Türkei getreten, die mehr sein will als eine Regionalmacht. Statt der Beziehungen zu Deutschland oder den USA pflegt das Land unter Erdoğan lieber die Beziehungen zu Russland. Er selbst denkt die Türkei in den Grenzen des osmanischen Reiches und plädiert für die Wiedereinführung der Todesstrafe, deren Abschaffung 2002 noch die Voraussetzung für die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der EU gewesen war. Mittels eines umstrittenen Referendums hat er sich vom Volk die Erlaubnis geben lassen, künftig zugleich Staats- und Regierungschef zu sein – mit weitreichenden autoritären Entscheidungsbefugnissen.

Die Türkei, die ich schätzen gelernt habe, gibt es nicht mehr

Die Türkei, die ich 2014 zuletzt besucht habe, ist mir fremd geworden. Fast bin ich gewillt zu sagen: Die Türkei, die ich kennen und schätzen gelernt habe, gibt es nicht mehr. Zumindest formell hat sie sich mit dem denkbar knappen und nicht nur von OSZE-Wahlbeobachtern kritisch beäugten Votum für eine Verfassungsreform, die die Türkei von einem parlamentarischen in ein präsidiales System überführt, endgültig von der Demokratie, wie wir sie in Deutschland kennen, verabschiedet.

Doch wäre es nicht zu einfach, die Türkei jetzt aufzugeben? Sind wir es nicht vielmehr all den Türkinnen und Türken, die sich, genau wie wir, wünschen, in Demokratie und Freiheit und Rechtsstaatlichkeit zu leben, schuldig, ihnen den Rücken zu stärken, uns verbal an ihre Seite zu stellen und den Glauben an die Demokratie in der Türkei – in Zeiten des permanenten Ausnahmezustandes – zu verteidigen? Umso trauriger mich die aktuellen Entwicklungen in der Türkei machen, umso wichtiger wird es, dass wir – gerade jetzt – nicht die Augen verschließen, und schon gar nicht den Mund halten. Dass wir nicht aus Wahlkampfgründen oder Angst vor politischen Konsequenzen Missstände nicht benennen, sie nicht kritisieren und offen ihre Beseitigung fordern. Rückgrat – das sind wir den Menschen in der Türkei schuldig. Heute mehr denn je.