„Papa, was hat die Frau denn falsch gemacht?“ Unsicher schaut der kleine Junge links von uns seinen Vater an, dann wieder die Leinwand. Hier läuft der Film „Mauerstücke“ zum Gedenken an 25 Jahre Deutsche Wende. Eben noch war vor uns auf sieben mal fünf Metern zu sehen, wie Uniformierte eine Frau um die 35 in einen Armee-Laster schieben, neben ihr die weinenden Kinder. Als der Wagen losfährt, bleiben sie allein zurück. Die Bilder stammen aus einer Zeit, in der Deutschland entzweit war und von einer Wiedervereinigung nur Wenige zu träumen wagten.

Kalt ist es, als wir an diesem 9. November 2014 inmitten der Menschentraube stehen, die sich vor dem Martin-Gropius-Bau in der Nähe vom Potsdamer Platz leise, fast andächtig, die ausgewählten Film-Ausschnitte über die Mauer anschaut. Bei vielen Beobachtern rufen die historischen Aufnahmen eigene Erinnerungen an die Wende und den Mauerfall wach. Als ich mich gegen Ende des Films kurz umschaue, sehe ich in mehr als nur einem Paar Augen Tränen glänzen.

Wir laufen weiter, entlang an 8000 leuchtenden Ballons, die sich an diesem Wochenende auf 15 Kilometern mitten durch Berlin ziehen: Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls haben die Brüder Christopher und Marc Bauder die Hauptstadt noch einmal – auf Zeit – geteilt, mit einer Lichtinstallation. Im Abstand von rund zwei Metern bilden die Ballons die sogenannte Lichtgrenze, die von der Oberbaumbrücke über Checkpoint Charlie, den Potsdamer Platz, das Brandenburger Tor und den Reichstag, die Bernauer Straße und den Mauerpark bis zur Bösebrücke an der Bornholmer Straße führt.

Ein langer Weg in Raum und Zeit, der auf gewisse Weise auch uns beide verbindet. Den 9. November 1989, diesen besonderen Tag haben auch wir miterlebt, als Kinder: Matze als zehnjähriger Junge im Harz in der ehemaligen DDR. Taina mit fünf am Rande des Ruhrgebiets, in der Bundesrepublik. Entsprechend gehen unsere Erinnerungen an den Mauerfall und die Zeit rund um die Wende ziemlich auseinander.

Heute, 25 Jahre später, leben wir zusammen in Berlin, in direkter Nähe des ehemaligen Mauerverlaufs, durch die Lichtgrenze heute deutlich sichtbar. Damit wohne ich, Taina, heute da, wo früher ein anderes Land war. Als Kind undenkbar. Genauso war es damals für mich, Matze, undenkbar, überall dahin reisen zu können, wohin ich wollte. Ich dachte nicht einmal darüber nach. Wie die Ereignisse eines einzigen Tages die Welt und mit ihr die einzelnen Schicksale unzähliger Menschen verändern können.

Immer wieder erzählen wir uns gegenseitig von unserer Kindheit im jeweils anderen Deutschland, von Ferienlagern und dem Brummkreisel, Bibi Blocksberg und Einkaufstrips nach Venlo. Aber auch von den Grenzen, in denen wir über „die da drüben“ gedacht haben. Es mag seltsam klingen, aber: Mitunter ist es nicht leicht, einander zu verstehen, sind wir doch selbst als Kinder noch von den sehr unterschiedlichen Systemen geprägt worden – auch wenn der Tag, der alles veränderte, nun schon eine ganze Weile her ist.

Einig sind wir uns auf jedem Fall in diesem Punkt: Ohne Mauerfall hätten wir uns wahrscheinlich nie kennengelernt. Eigentlich hätten wir schon deshalb eine Ballonpatenschaft für die Lichtgrenze übernehmen müssen. Dann hätten wir gestern Abend zusammen mit 7.999 anderen Menschen unseren Ballon in die Freiheit, in den Berliner Nachthimmel entlassen können. Welche Botschaft wir dem Ballon mit auf den Weg gegeben hätten? Plan B! B wie Befreiung, Beginn und Bunte Republik – aber auch Broiler und Bananeneis für alle!

So haben wir den 9. November 1989 erlebt

Matze: Ich erinnere mich noch an einen lakonischen Kommentar meines Vaters: „Jetzt werden die Ellenbogen ausgefahren.“ Am Tag des Mauerfalls waren meine Eltern, die sich an das Leben im real existierenden Sozialismus gewöhnt hatten, eher verunsichert als überglücklich. Weil sie nicht aus ihrer Heimat weg wollten, waren beide (er Programmierer, sie Mathematikerin) ein gutes Jahr später erstmal eine ganze Weile arbeitslos.

Der Neugier meiner Mutter war es zu verdanken, dass wir am Tag der Grenzöffnung doch noch in den Westen fuhren. Eigentlich wollte sie nur zum Gucken an die Grenze, die etwa 40 Kilometer von Quedlinburg entfernt den Ost- vom Westharz trennte. Schon zehn Kilometer vor dem Übergang in Stapelburg stießen wir auf die Kolonne von Trabis und Wartburgs, die dort dicht an dicht hintereinander gedrängt warteten. Einmal eingereiht gab es kein Zurück. Als mein Vater 100 Meter vor dem Zaun halbherzig ein Wendemanöver versuchte, weil er eigentlich gar nicht rüber wollte, wurde er ausgerechnet von den DDR-Grenzern zurück in die Schlange dirigiert und damit mitten hinein in das uns bis dahin unbekannte Niedersachsen.

Was dann kam, war ziemlich beeindruckend: An der kleinen schmalen Straße, die nicht mehr war als ein sehr fein asphaltierter Feldweg, stand der „Klassenfeind“ Spalier und jubelte, was das Zeug hielt – als wären wir nicht etwa gerade vom Frühstückstisch aufgebrochen, sondern direkt aus einem russischen Gulag mitten im sibirischen Winter.

Das erste Ortsschild nach der Grenze, Bettingerode, hatte jemand beherzt mit einem „Trabingerode“ überklebt. Und die unzähligen Leute jubelten nicht nur – sie warfen auch: Durch die geöffneten Fenster und das Schiebedach unseres himmelblauen Wartburgs flogen Orangen, Äpfel, Bananen,
Kinderüberraschungseier, Münzen, Scheine und sogar eine ganze Packung Jacobs Krönung. Hallo Du goldener Westen.

Von unserem Begrüßungsgeld fuhren wir zu Karstadt: In der Spielzeugabteilung im Obergeschoss hatte ich es auf einen kleinen ferngesteuerten Offroad-Buggy mit Geländereifen abgesehen. Doch meine Eltern beharrten darauf, das Begrüßungsgeld lieber in stinkendes Zweitakt-Benzin für unseren betagten Wartburg zu stecken. „Wir wissen nicht, ob wir es ohne zurück nach Hause schaffen“, meinte meine Mutter besorgt. Dass ich deswegen mitten im Kaufhaus laut losheulte, machte meinen Wunsch für sie nicht interessanter.

Doch meine Retterin nahte in Gestalt einer kleinen schlanken Mitfünfzigerin, mit brauner Jacke und Goldrandbrille. Sie sah mich, mein rotzverschmiertes Gesicht und meinen abenteuerlich gemustertem Rollkragenpullover. Nach zwei Sekunden sagte sie: „Du bist doch aus der DDR?“. Dann griff sie in ihre Handtasche und schenkte mir zwanzig Mark. „Kauf‘ Dir was Schönes“, sagte sie und verschwand ohne ein weiteres Wort zwischen den Regalen.

Taina: Am Abend des 9. November hatte mein Vater im Wohnzimmer die Tagesthemen geschaut, als er plötzlich ganz aufgeregt meine Mutter rief: „Biene, Du musst unbedingt sofort gucken kommen, die Mauer ist gefallen.“ Dann haben beide geweint. Mir haben sie erst am nächsten Morgen davon erzählt und ich weiß noch, dass ich nicht verstanden habe, warum sie dabei weinten. Warum auch meine Lehrerin selbst später noch weinte, wenn sie davon redete. Immerhin: Ich verstand, dass Deutschland jetzt größer war und Menschen, die schon einmal zu unserem Land gehört hatten, nun wieder „deutsch“ waren. Warum man deshalb weinte, das war mir nicht richtig klar.

Und auch als wir wenige Monate später nach Erfurt fuhren und ich überall nur rußgeschwärzte, kaputte Häuser sah und wir zwischen einem durchgeschnittenen Stacheldrahtzaun über Land zurück nach Hause fuhren und meine Eltern sich lebhaft an ihren Besuch in Westberlin 1971 erinnerten, begriff ich nicht wirklich, was da eigentlich vor sich gegangen war.

Erst Jahre später wurde mir klar, warum die „Engländersiedlungen“ in meinem Heimatort ausgerechnet im Jahr meiner Einschulung, 1990, wieder frei wurden, warum so viele neue Mitschüler noch im Laufe des ersten Schuljahres dazu kamen – vorwiegend aus Polen und Russland – und meine Lehrerin für das ganze restliche Jahr eigentlich nur das Ziel hatte, allen so viel Deutsch beizubringen, dass das mit dem ABC noch was werden würde. Dass da gerade ein ganz neues Deutschland entstand – das verstand ich erst Jahre später.