40 Grad im Schatten. Die Sonne brennt auf meiner Haut. Die Ampel springt auf rot. Wir warten im letzten Rest Schatten, den uns die fast senkrecht stehende Mittagssonne übrig gelassen hat. Ich wische mir die Schweißperlen von der Stirn, kein Lüftchen weit und breit. Grün. Unendlich langsam, fast schon widerwillig, setze ich mich in Bewegung, hinaus auf den heißen Asphalt. „Walking in Memphis“ summe ich leise vor mich hin. Mein Ziel: Die berühmte Beale Street.

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Memphis: Home of the Blues

Wie kaum eine andere Stadt gilt Memphis, Tennessee, als die Wiege des Blues. Entstanden war die Musikrichtung schon Ende des 19. Jahrhunderts als eine neue Form der afroamerikanischen Folklore mit Anleihen im Gospel, in Spirituals und Worksongs. Der erste Blues, der je auf einem Tonträger veröffentlich wird, ist – natürlich – der „Memphis Blues“, geschrieben 1912, von W.C. Handy. Mit einem Blues weltweit in den Charts platziert hat sich 1920 dann trotzdem eine Dame namens Mamie Smith. Auch wenn sie und ihr „Crazy Blues“ heute kaum noch jemandem etwas sagen dürften: Der Siegeszug des Blues war von da an nicht mehr aufzuhalten.

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Memphis: On Beale Street

Die Beale Street in Memphis ist das Epizentrum dieses Siegeszuges – und sie ist auch das Herz der Metropole am Mississippi. Hier in Downtown war schon der „Memphis Blues“ entstanden: nur wenig später wandelte sich die Straße vom Spielhöllenparadies mit Rotlichtcharakter zur Hitfabrik der Blues-Ära. Größen wie Louis Armstrong oder B.B. King sorgten mit allabendlichen Live-Konzerten für volle Bars. Mit der Weltwirtschaftskrise ging es auch für die Beale Street bergab. Erst in den 1980er Jahren, nach Jahrzehnten des zunehmenden Verfalls, gab es ernsthafte Versuche, hier neue Clubs zu eröffnen und die Beale Street wieder zu beleben.

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Bar an Bar und Blues Club an Blues Club. Das ist das Bild, dass sich mir beim Mittagsspaziergang über die Beale Street heute bietet. Dazwischen ohne Ende Touri-Shops. Und: Alte Leuchtreklamen, wohin ich schaue. Schon allein deshalb ist die Beale Street für mich ein einziges Paradies. Nur ein paar Blocks weiter die Straße runter schließt sich der Handy Park an die Beale Street an: Hier treffen wir auf zwei Männer, die nur mit einer Akustik-Gitarre, ihren Stimmen und extremem Rhythmusgefühl Jedem sofort klar machen: Blues ist etwas für die Ewigkeit. Ich bleibe stehen, lausche und wünsche mir, es wäre 1951.

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Memphis: Home of Elvis

Dann hätte ich nämlich nicht nur die Spätphase des Blues noch miterlebt, sondern zugleich auch die goldenen Zeiten des Rock ’n‘ Roll: und damit natürlich auch den King, der lange in Memphis zuhause war. Wo sonst als hier im Zentrum des Blues hätte er so viel Groove, so viel musikalische Seele in sich aufsaugen können? Was wäre aus ihm ohne die Stadt geworden? Und was wären Memphis – und der Blues –  ohne ihn, Elvis Presley?

Hier hatte Elvis den Großteil seines Lebens verbracht, bei Sun auf der Union Avenue seine erste Platte aufgenommen, hier starb er 1977. Und noch immer, fast 40 Jahre später, ist er überall: Kein Souvenirladen, kein Supermarkt, in dem es nicht mindestens eine Elvis-Tasse, Elvis-Postkarten oder Elvis-Feuerzeuge gibt. Aus allen Lautsprechern der Stadt singt er uns an diesem Sommertag entgegen, verdreht uns den Kopf und lockt uns schließlich raus aus der Beale Street, weit vor die Tore von Memphis. Mit „…we can’t go on together, with suspicious minds…“ im Ohr machen wir uns auf, auf die Spuren des King, nach Graceland.

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