Wir haben das Ende der Welt gefunden. In der Tiefe peitscht der Wind die Wellen auf, Regentropfen kitzeln meinen Oberarm. Ich kneife die Augen zu, um sie vor dem aufwirbelnden Sand zu schützen. Vielleicht ist das auch besser so, denn wer mich und meine Höhenangst kennt, weiß, dass mir der Blick auf das Nichts, das vor uns liegt, Schweißperlen auf die Stirn treibt. Nur wenige Meter vor uns geht es fast senkrecht 140 Meter in die Tiefe.

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Die Küste des Sleeping Bear Dunes National Lakeshore im äußersten Nordwesten der Michigan Lower Peninsula wirkt wie abgebrochen, so steil und vor allem plötzlich geht es runter zum Wasser. „Don’t risk injury and rescue fees by going down – or the 2 hours it may take to climb back up“ warnt das Schild direkt neben mir. Ich kann mir kaum vorstellen, dass irgendjemand so lebensmüde ist und da freiwillig runter will. Zehn Minuten später beobachte ich eine Horde Kletterwütiger aus sicherer Distanz von der Aussichtsplattform aus.

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So respekteinflößend der Blick von den Dünen in die Tiefe ist, so gigantisch ist der in Richtung Horizont: Wasser und Himmel scheinen unendlich und miteinander zu verschmelzen – das schlechte Wetter, das uns den Tag bei den Sleeping Bear Dunes schon ganz schön verregnet hat, hat offenbar auch etwas Gutes. Ich bilde mir ein, dass ich hier, vom Kamm der Dünen aus, sogar die Krümmung der Erde sehen kann.

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Einer Legende der amerikanischen Ureinwohner nach wurden an dieser Stelle eine Bärenmutter und ihre zwei Jungen einst durch einen Waldbrand in den Lake Michigan getrieben. Auf der Flucht vor dem Feuer schwammen sie hinaus, schon bald aber blieben die Jungtiere hinter der Mutter zurück. Als die es schließlich ans gegenüberliegende Ufer geschafft hatte, kletterte sie die Steilküste hinauf, um dort auf ihre beiden Kinder zu warten. Vergebens: Die zwei kleinen Bären ertranken in den Fluten. An der Stelle, wo die Bärenmutter einst den Tod ihrer Jungen verschmerzen musste, liegt heute die „Sleeping Bear Dune“ mit Blick auf den Lake Michigan. Aus den beiden Jungen wurden der Sage nach North- und South Manitou Island.

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Mit dieser Geschichte im Kopf kraxeln wir noch eine Weile zwischen den Dünen herum, nehmen jeden Aussichtspunkt mit, den es gibt, bis es uns doch zu windig, kalt und nass wird. Rückzug! Im Auto schalten wir die Heizung an, mitten im Juni. In meinen Schuhen hat sich gefühlt eine halbe Düne verkrümelt. Ich mag authentische Souvenirs.

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Mit einem Zwischenstopp in der trashigen, aber legendären Cherry Hut lassen wir den Sleeping Bear Dunes National Lakeshore hinter uns und fahren durch die vom Wein- und Kirschanbau geprägte Landschaft Richtung Detroit – nicht ohne immer wieder anzuhalten und das satte Grün um uns herum zu bestaunen. Ich beschließe, wiederzukommen, um mich dem Dune Climb zu stellen, North- und South Manitou Island zu besuchen und auf den Leuchtturm klettern. In dieser Nacht träume ich von Lagerfeuern, Kanufahrten und schlafenden Bären.