So muss wohl Frodo sich gefühlt haben, als er auf dem Weg nach Mordor zum ersten Mal die Burgen und Schlösser von Mittelerde gesehen hat: Nur dass der Gigant, vor dem wir  stehen, keine Fantasy-Festung ist, sondern eine hoch oben in den Bergen errichtete und mehr als 1000 Jahre alte Königsburg im Norden Zyperns, die eine willkommene Herausforderung für die Heere verschiedenster Herrscher war. Auch heute wirkt die Ruine von St. Hilarion noch imposant und ist verhältnismäßig gut erhalten. Auf den fast uneinnehmbaren Felskämmen des Pentadaktylos-Gebirges (türk: Besparmak) thront sie mehr als 700 Meter hoch über der Hafenstadt Girne (griech: Kyrenia). Und wir stehen zu ihren Füßen einfach nur da und staunen, mit den Augen die vielen Mauern und Reste der Zinnen und Türme abtastend.

Selbst wer sich – wie wir – entschieden hat, über die schmale Serpentinenstraße mit dem Mietwagen herzufahren und erst unterhalb des Burgtors in Vollkontakt mit dem Koloss kommt, fühlt sich sofort unwirklich und klein. Die Geschichte, die den Ort umgibt, lauert noch immer hinter jedem Vorsprung, jeder Felsspalte und Fuge. Wieder und wieder wurde St. Hilarion belagert: vom französischen Adelsgeschlecht der Lusignans, den Kreuzfahrern Kaiser Friedrichs II., aber auch von Franken und Genuesen.

Mittelalterliches Luxus-Ressort

Bevor die Venezianer sie schliffen, wurde St. Hilarion sogar als „Schloss der 1000 Gemächer“ bezeichnet. Doch das ist lange vorbei: Nun pfeift der Wind durch Fensterhöhlen und Gänge, viele Wände stehen nur noch zur Hälfte und von manchen Gebäuden, wie etwa der königlichen Küche hoch oben im alten Burggarten zwischen den Klippen, zeugen nur noch Ansätze der Grundmauern.

Doch vielleicht entfesselt gerade das den magischen Reiz der Geschichte, den die Festung versprüht und einen glauben lässt, gleich den Burgherren die nächste Treppe herunter kommen zu sehen.

Besonders die knapp unter dem Gipfel gelegenen Reste der Königsgemächer wecken das Gefühl, in einer Art mittelalterlichem Luxusressort zu Besuch zu sein: Der Blick von hier oben auf die Küste und das dunkelblaue Mittelmeer ist unbezahlbar. Es ist nicht verwunderlich, dass die Festung nach einem Eremiten aus dem 6. Jahrhundert nach Christus benannt ist – das wirkliche Leben unten an der Küste ist hier oben weit, weit weg.