Der Boden der Tatsachen ist härter als befürchtet. Irgendwie schaffe ich es, beim Aufkommen erst mit dem Rücken einen herumliegenden Backstein zu treffen, dann nach vorne zu fallen und reichlich unsanft auf meinem linken Knie zu landen. Vielleicht hätte ich die Augen beim Fallen besser nicht zumachen sollen… Aber dann wäre ich vermutlich nie gesprungen. Ich rappele mich auf und erkenne von hier unten, dass es doch höher war, als es von oben aussah. Manchmal ist es vielleicht ganz gut, wenn man vorher nicht alles weiß.

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„Bist du OK?“, fragt George mit besorgtem Blick. Ich verziehe den Mund zu einem schiefen Lächeln. Langsam wird mir klar, dass ich da gerade wirklich von einem Holzdach aufs andere gesprungen bin, ohne Ahnung, was darunter ist. Und das mitten in Rumänien, in einer verlassenen und langsam verfallenden Industrieruine – das klingt nicht nur ziemlich bescheuert, es tut gerade auch verdammt weh. Aber ein Indianer kennt ja keinen Schmerz. Ich beiße die Zähne zusammen, ringe mir ein „Klar, nichts passiert!“ ab und stapfe voraus Richtung Fenster, durch das es zurück ins Gebäude geht. Heimlich wische ich mir eine Träne aus dem Gesicht. Von wegen Indianer.

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Auf einen Kaffee im Control Club

Als wir wieder auf der Straße stehen, sind meine schwarzen Schuhe vor lauter Staub und Dreck fast hellgrau. Wir beschließen, unserem Kaffeedurst nachzugeben und eine Pause im Control Club einzulegen, wo man nicht nur abends ziemlich gut feiern, sondern auch tagsüber bei Kaffee oder Caipirinha die Zeit vergehen lassen kann. Einfach ein bisschen sitzen und sich erholen kann jetzt nicht schaden, denke ich, sage aber natürlich nichts.

George erzählt vom Tunnelsystem, das sich unter ganz Bukarest erstreckt und von überall her zum Präsidentenpalast führt. „Das System stammt aus Ceaucescus Zeiten und wurde von der Geheimpolizei rege genutzt. Tag und Nacht konnte sie überall in der Stadt plötzlich auftauchen, wie vom Erdboden ausgespuckt.“ In meinem Kopf machen sich böse Vergleiche mit der Gestapo breit. „Erinnert ihr euch an das Haus, an dem wir heute Vormittag, beim Umweg über die Streetart-Schätze von Bukarest, vorbeigekommen sind?“, fragt George. „Das hellgraue, direkt an der Ecke, ohne Vorgarten.“ Wir nicken. „Das Ding ist eine Attrappe. Es wurde nur gebaut, um einen darunter liegenden Bunker zu tarnen – und den Eingang zum Tunnelsystem.“

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Haus ohne Erben

Vormittags waren wir zu einem von Bukarests hidden gems unterwegs gewesen: ein mehr als hundert Jahre altes Herrenhaus mit tragischer Geschichte, wie uns George erzählt. 1891 in Auftrag gegeben, sollte die Villa das neue Zuhause eines adeligen rumänischen Ehepaares werden. Trotz unzähliger Versuche hatten die beiden keine Kinder bekommen. Ihrer unerfüllten Sehnsucht wollten sie trotzdem Ausdruck verleihen – und ihr gerade in Auftrag gegebenes neues Domizil sollte dabei eine tragende Rolle spielen. Dutzende kindliche Engelsgesichter sollten die Fassade und die Innenräume schmücken, sich in Deckenmalereien und Ornamenten wiederfinden.

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Eine Sünde? Der adelige Bauherr starb, noch bevor das Haus im Jahr 1900 fertig gestellt wurde. Seine Frau, untröstlich, zog schließlich allein dort ein. Doch auch sie starb nur wenige Jahre später an Depressionen und Einsamkeit. Nur die Engel, stumme Zeugen des tragischen Schicksals, wachen weiter über das Haus. Als wir eintreten, fühlen wir uns unwillkürlich beobachtet.

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So traurig die Geschichte der alten Villa ist, so desolat ist auch ihr Zustand: Die steinerne Treppe zum ehemaligen Haupteingang ist verwittert, überall blättert die gelbe Farbe von der Fassade. Drinnen beleuchten kalte Neonröhren den in die Jahre gekommenen Prunk und lassen uns gleichzeitig in die Zeit von 1900, in die Zeit des rumänischen Sozialismus, reisen. Obwohl das Haus in öffentlichem Besitz ist und auch entsprechend genutzt wird, scheint niemand das Juwel, das hier einst zu finden war, ernsthaft bewahren zu wollen – oder, vermutlich aus Geldmangel, zu können.

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Und so ist der Anblick, der sich uns bietet, als wir durch die Zimmer, das Treppenhaus und über den Dachboden streifen, traurig und faszinierend zugleich. Hinter dem Haus schließlich finden wir sogar völlig ungeschützte Säulenreste, Grabsteine und Inschriften aus römischer Zeit – Fundstücke aus dem Schwarzen Meer, die unter freiem Himmel Wind und Wetter ausgesetzt sind. Beinahe hoffe ich, dass die Seele des Hauses längst, zusammen mit seinen ehemaligen Besitzern, gestorben ist.

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Hier geht die Geschichte weiter: Urban Exploration in Bukarest: Die Chemiefabrik

Falls ihr den Anfang unserer Tour verpasst habt – hier geht’s lang: Urban Exploration in Bukarest: In der alten Fabrik