„Hier müsst ihr unbedingt einen Blick reinwerfen“, meint George, als wir einen großen Platz mitten im Zentrum überqueren und zeigt auf ein monumentales, palastartiges Gebäude direkt vor uns. „Lasst uns so tun, als wollten wir einen Tisch für morgen oder übermorgen reservieren. Wir sind Touristen, alles klar?“ Wir verstehen zwar nicht, wofür wir die Tarnung brauchen, vertrauen George aber und folgen ihm die Stufen einer riesigen Treppe hinauf Richtung Eingang. Er zieht die große in Gold gefasste Glastür auf. Durch einen dahinterliegenden schweren Vorhang, der den Blick verwehrt, schlüpfen wir hinein.

Im Offizierskasino

Vor uns tut sich sich ein überdimensionaler lang gestreckter weißer Ballsaal auf, über den sich eine goldverzierte Kassettendecke spannt. Die Szenerie, die sich uns bietet, wirkt surreal und aus der Zeit gefallen: Während draußen die Sonne scheint, wird hier drin, mitten am Tag, bei schummrigem Licht in aus den 80er Jahren hinüber geretteter Abendgarderobe gefeiert, gegessen und getrunken. An zwei meterlangen gedeckten Tafeln reiht sich Gedeck an Gedeck. Mitten drin: riesige Fanta-Flaschen, die auf dem Tisch drapiert sind, als seien sie flüssiges Gold. Ein Alleinunterhalter wippt an seinem riesigen Keyboard im Takt der Musik. Eine Sängerin in roséfarbener Robe und 80er-Jahre-Fönfrisur, die Farrah Fawcett vor Neid hätte erblassen lassen, haucht dazu ihren Gesang ins Mikro. Seit wir drei in Jeans und Turnschuhen hineingestolpert sind, ruhen alle Augen der illustren Gesellschaft auf uns. Am Rand der Tanzfläche wartet eine Gruppe von Kellnern – von denen nun zwei strammen Schritts schnurstracks auf uns zusteuern.

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Prompt nehmen wir unsere Rolle ein und versuchen einen Tisch zu reservieren. Doch weder für heute, noch für morgen oder den Abend darauf können wir einen Platz an der Tafel buchen. Dummerweise widersprechen sich die Kellner in ihren Aussagen gegenseitig, so dass wir schnell merken, dass wir als Gäste unerwünscht sind. Noch immer ruhen die Blicke aller im Saal auf uns. Ich fühle mich zunehmend unwohl. Schließlich geben wir auf. Ruckzug ins Freie. Sofort bekomme ich besser Luft. Was zum Teufel war das?!

George lacht, dann klärt er uns auf: „Wir waren eben im Offizierskasino des Militärpalasts. Früher wären wir hier nicht mal die Treppe hochgekommen. Eintritt nur für Uniformträger.“ Irgendwie scheint man hier auch heute noch gerne unter sich zu bleiben. Eine Zeitreise in den tiefsten Ostblock – so real, dass von „früher“ keine Rede sein kann.

Zehn Minuten später lassen wir unsere Blicke von der Dachterasse eines Wohnblocks schräg gegenüber des Militärpalasts über die Dächer Bukarests schweifen. „Könnt ihr noch? Habt ihr noch Lust?“ George schaut uns fragend an. „Es gibt noch eine Sache, die ich euch gerne zeigen würde, wenn ihr mögt…“ Mittlerweile ist es schon später Nachmittag, wir sind seit dem frühen Morgen unterwegs. Aber auch, wenn unsere Füße langsam müde sind vom vielen Herumlaufen, ist das kein Grund, Georges Angebot auszuschlagen. Die Neugier siegt immer.

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Streetart in der Endzeit

Mit der Metro fahren wir an den südöstlichen Stadtrand. Hier liegt die älteste Chemiefabrik Rumäniens – doch seit einer Explosion im Jahr 1979 gleicht das Areal eher einer Trümmerlandschaft. Wie in einem Endzeitfilm, denke ich, als wir uns dem Gelände nähern. Heute ist die Fläche verwildert, Freiluftgalerie für Streetart-Künstler, Übungsgelände für Paintball-Freaks und auch schon mal das Set für einen Outdoor-Porno. Wie lange wird das noch so gehen? „Das Industriegebiet drumherum wird immer größer“, meint George, „vielleicht schlucken sie irgendwann auch diese Ruinenlandschaft.“

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In der einsetzenden Dämmerung klettern wir zwischen riesigen Betonklötzen und Gebäudeskeletten umher. Das Unglück Ende der 70er muss verheerend gewesen sein, seine Zerstörungskraft gewaltig – nirgendwo auf dem Gelände eine Fabrikhalle, das nicht schwer beschädigt wäre. Ob es damals Tote gegeben hat, will ich von George wissen, doch er weiß es nicht. Auch meine spätere Recherche bleibt ergebnislos.

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Von einer der alten Produktionshallen aus, in der fast die komplette Außenwand fehlt, beobachten wir, wie die Sonne am Horizont verschwindet und die letzten Lichter langsam der Nacht weichen. Das Schönste an diesem Tag für mich ist, dass es dieses Mal nicht allein um den Nervenkitzel ging, der für mich sonst so untrennbar mit Urban Exploration verbunden ist, sondern dass George uns an diesem Tag sein Bukarest gezeigt hat. Keine Frage, die wir gestellt haben, war ihm zu banal, kein Ort zu abseitig, um ihn nicht zu zeigen. An nur einem Tag haben wir so viel mehr über Bukarest erfahren, als ein normaler Reiseführer uns je hätte zeigen können.

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„Warum kommt ihr nicht noch mal wieder?“, fragt George uns zum Abschied. „Es gibt noch so viele Orte in Bukarest, die ihr unbedingt sehen müsst.“

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Falls ihr die vorherigen Teile verpasst habt – voilà: Urban Exploration in Bukarest: In der alten Fabrik und Urban Exploration in Bukarest: Das Herrenhaus