„Geht kurz vor, ich komme gleich nach“, sagt George und verschwindet im Zimmer des Wachmannes, gleich rechts hinter der Eingangstür. Langsam, fast zögerlich, gehen wir auf den vor uns im Halbdunkel liegenden Durchgang und das bröckelige dahinter liegende Treppenhaus zu. Kaum am Absatz der Treppe angekommen, hat er uns schon wieder eingeholt. „Nach oben“, sagt er und nimmt, ohne sich noch einmal umzublicken, die ersten Stufen.

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Im Ausland ist Urban Exploration immer noch ein bisschen aufregender als zu Hause. Schon am zweiten Tag unserer Reise nach Bukarest treffen wir George. Zusammen mit seinen Freunden Robert und Alexandru betreibt er einen der größten, wenn nicht den größten Urbex-Blog Rumäniens. Ihre selbstgewählte Mission: Möglichst viele versunkene Architekturschätze in Bukarest zu besuchen und zu dokumentieren. Was also liegt näher, als mit George in Bukarest auf Tour zu gehen?

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In den Industrieruinen von Bukarest

Glas in den Fenstern gibt es hier längst nicht mehr. Überall blättert Farbe von den Wänden, das Holz der Türrahmen ist gesplittert, an vielen Stellen bedecken Trümmer den staubigen Boden. Langsam und vorsichtig bewegen wir uns, selbst in den Treppenhäusern, die durch den Beton relativ stabil und sicher wirken. Der verlassene, ehemalige Industriekomplex mitten in Bukarest, den wir zusammen mit George erkunden, ist riesig. Tatsächlich ist er so groß, dass wir an diesem Tag nur den kleineren Teil davon zu Gesicht bekommen.

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Im ersten Stock stoßen wir auf das, was einmal die Empfangsetage gewesen sein muss: Zwar ist der Prunk vergangener Zeiten passé, aber noch immer deutlich wahrnehmbar. An der Decke üppiger Stuck, die Wände mit Inschriften bedeckt, die Reste von Blattgold schälen sich von der Wand. Unter unseren Füßen knarzt das in die Jahre gekommene Holzparkett. Erstaunlicherweise ist es hier vor allem staubig; die Zerstörung ist geringer als in anderen Teilen des Gebäudes. Als hätte der Zahn der Zeit gewusst, dass er hier ein bisschen würdevoller zu Werke gehen sollte. Mitten im Raum steht einsam ein alter Holztisch.

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Zwei Welten: Rumänien und der Denkmalschutz

„In Rumänien interessieren sich immer noch zu Wenige dafür, was mit alten Gebäuden passiert“, erzählt George. Auch nach dem Sturz von Diktator Nicolae Ceaucescu, der architektonisches Kulturerbe aus ideologischen Gründen massiv hatte abreißen lassen, wurde Denkmalschutz in Rumänien nicht gerade groß geschrieben: Eine alte Denkmalliste von 1950 wurde nach der Wende ganze elf Jahre nicht erweitert. Dann endlich – 2001 – ein neues Denkmalschutzgesetz.

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„Das ist wirklich traurig“, meint George, weil so auch Bauwerke dem Verfall preisgegeben seien, die für die Nachwelt erhalten werden sollten. „Manche Eigentümer historischer Gebäude warten nur darauf, dass ein Dach einstürzt und die Außenwände am besten gleich mit umkippen.“ Erst, wenn ein Gebäude irreparabel zerstört sind, gibt es vom Staat eine Abrissgenehmigung – die dann wiederum Platz für eine Neubebauung schafft. Ein perfides System. „Deswegen gibt es an den meisten verlassenen Orten nicht mal Wachen, die das Gelände sichern“, sagt George und zuckt mit den Schultern.

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Durch riesige Räume und Treppenhäuser, deren Fensteröffnungen den Blick auf immer andere Teile des riesigen Areals freigeben, bewegen wir uns Etage für Etage aufwärts. Mein Zeitgefühl habe ich im Labyrinth der Gänge, Räume und Treppenhäuser längst verloren. Im obersten Stock angekommen ist klar: Das ist noch nicht das Ende. Bevor ich mit Höhenangst im Nacken protestieren kann, schwingt George sich auch schon beherzt aus dem Fenster, rüber aufs Dach.

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Ich gegen die Höhenangst

Mindestens fünf Minuten sitze ich einfach nur da, auf dem Fensterbrett, mit den Beinen nach draußen. Eigentlich finde ich die Aussicht auch von hier schon ziemlich gut. Ich muss da nicht auch noch extra raus, denke ich. Die Jungs sind derweil schon links um die Ecke verschwunden. Höhenangst versus Neugier. Ich hasse es, mich überhaupt entscheiden zu müssen. Nur kurz links um die Ecke klettern, rüber aufs andere Dach. Ich versuche, nicht nach unten zu gucken, halte mich am Fensterrahmen fest und schwinge mich kurzentschlossen um die Ecke. Erst als ich das Holzdach fest unter meinen Füßen spüre, atme ich auf.

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Die Aussicht von hier oben ist grandios: Über uns spannt sich der strahlend blaue Himmel, darunter die Dächer Bukarests bis zum Horizont, die Sonne kitzelt meine Nase. Wenn mir heute Morgen jemand erzählt hätte, dass ich nachmittags hier herumklettern würde, ich hätte ihm vermutlich einen Vogel gezeigt. Stolz keimt in mir auf. Von den Fenstern der umliegenden Gebäude sehen wir Drei, wie wir da oben mit unseren Handys und Kameras herumfuchteln, vermutlich trotzdem nicht gerade wie Batman, Robin und Catwoman aus.

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Das Doofe an Dächern ist: Irgendwann und irgendwie muss man wieder runter. Also den gleichen Weg zurück? Zu langweilig! Der Plan meiner beiden Begleiter, auf das eins tiefer gelegene Dach zu springen und von dort über die Fenster zurück ins Gebäude zu klettern, lässt mich schwindeln. Wenn das vorhin Angst war, ergreift mich jetzt leichte Panik. Ich starre auf das Dach 2 ½ Meter unter mir und muss mich setzen. Sekündlich schwanke ich zwischen „Ach komm, das ist nicht so hoch, das schaffst du“ und „Scheiße, ist das hoch, und du weißt nicht, ob da unten noch Beton unter dem Holzdach ist“. Meine Hände sind schweißnass, die Gedanken rasen. Es hilft nichts: Ich springe.

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Und so geht’s weiter: Urban Exploration in Bukarest: Das Herrenhaus und Urban Exploration in Bukarest: Die Chemiefabrik