Hotel an Hotel, so weit das Auge reicht. Die ganze Küste hinunter, bis zum Horizont. Mehr als 10.000 Betten, unzählige Theater, Kinos, Banken und mehr als 3.000 Geschäfte. Doch Urlaub macht hier im Osten Zyperns schon seit fast 40 Jahren niemand mehr: Varosha, ein Stadtteil von Famagusta (griechisch Αμμόχωστος, türkisch Gazimağusa) auf der Mittelmeerinsel Zypern, ist eine Geisterstadt und militärisches Sperrgebiet – weißer Traumstrand inklusive.

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Varosha 1974: Invasion im Paradies

Zugegeben, mit B wie Βαρώσια (die griechische Schreibweise für „Varosia“ oder auch „Varosha“, türkisch heißt der Stadtteil „Maraş“) schummeln wir für unseren Post ein bisschen. Aber bei Geschichten, die derartig faszinierend und zugleich traurig sind, ist eine Ausnahme angebracht: Als Antwort auf den versuchten Anschluss Zyperns an Griechenland besetzten türkische Soldaten im Rahmen einer gewaltsamen Invasion 1974 große Teile der Insel – einschließlich Varoshas. Die dort ansässigen griechischen Zyprer, Touristen und Geschäftsleute flüchteten in aller Eile. Im Glauben, dass das Intermezzo schnell vorbei sein würde und sie schon bald zurückkehren könnten, packten sie nur das Nötigste und ließen den Großteil ihres Hab und Guts zurück.

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varosha geisterstadt zypern cyprus famagusta wasmitb strand 2Doch es kam anders: Die Besetzung durch die türkische Armee dauert bis heute an. Zu einem Tausch von Gebieten, in dem die türkisch-zyprische Seite hoffte, den vornehmen Badeort als Faustpfand gegenüber den griechischen Zyprern einsetzen zu können, ist es nie gekommen. Bis heute ist Varosha verlassen, umzäunt und bewacht. Unzählige Gerüchte und Geschichten ranken sich um die Geisterstadt: von jahrelang brennenden Glühbirnen in den Hotelzimmern, von Autohäusern mit nie verkauften Neuwagen aus den Siebzigern und von gedeckten Tischen, an denen nie wieder jemand Platz genommen hat.

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Militärisches Sperrgebiet – Varosha ist Niemandsland

Am heutigen Stadtrand von Famagusta fahren wir auf kontrollierten Straßen an kilometerlangen Stacheldrahtzäunen entlang dorthin, wo bis Mitte der Siebziger der Tourismus boomte: Varosha galt einst als St. Tropez des östlichen Mittelmeeres und lockte sie alle – die Reichen, die Schönen und die Berühmten: unter ihnen Brigitte Bardot, Richard Burton und Elizabeth Taylor. Es entstand ein Urlaubsressort der Extraklasse, mit exquisiten Boutiquen, komfortablen Hotels und teuren Restaurants. Die Postkartensammlung von Dave Stuart gibt einen Eindruck, wie es in Varosha einmal aussah.

varosha geisterstadt zypern cyprus famagusta wasmitb verlassene kircheHeute ist der Ort eine Geisel der Geschichte und fristet ein trostloses Dasein: Die Natur erobert sich den einstigen Hotspot der Insel zurück. Hotels und Apartments verfallen – mittendrin, wie zum Hohn, ein alter Baukran. Varosha ist Niemandsland. Gemäß einer UN-Resolution von 1984 dürfen nur die ursprünglichen Bewohner in die „verbotene Zone“ zurückkehren. Doch eine Einigung im Zypernkonflikt ist nicht in Sicht. Das symbolträchtige Pfand an seine rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben, kommt für die türkische Armee, die das Gebiet kontrolliert, nicht in Frage. „If we can’t have it, no one can.“

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Varosha: Luxusurlaub vor trauriger Kulisse

Wie absurd sich das im Jahr 2013 anfühlt, erfahren wir, als wir am kleinen, noch zugänglichen Teil des Strandes von Varosha auf zwei ältere Damen treffen. Margaret und ihre Schwester Elizabeth sind 86 und 91. Sie kommen aus London. Direkt neben den Ruinen von Varosha verbringen sie in dem einzigen renovierten Hotel der Bucht ihren Sommerurlaub. Die Wärme tue ihnen gut, sagt Margaret und tatsächlich schauen die beiden erholt aus, wie sie so von ihren Sonnenliegen aufs Meer schauen.

varosha geisterstadt zypern cyprus famagusta wasmitb strasseAls wir uns erkundigen, wie es sich anfühlt, neben einer Geisterstadt Urlaub zu machen, ernten wir ungläubige Blicke: Die Hotels seien doch bewohnt, worüber wir sprechen würden. Nun stehen uns die Fragezeichen ins Gesicht geschrieben. Wir fragen nach. Und tatsächlich: Die beiden Engländerinnen halten unsere Frage für einen schlechten Scherz, eine Geisterstadt sei das nebenan ganz bestimmt nicht. Fassungslosigkeit auf unseren Gesichtern: Wie kann es sein, dass die beiden Urlauberinnen nicht wahrgenommen haben, vor welcher Kulisse sie da gerade sonnenbaden? Wir erzählen ihnen die Geschichte der Geisterstadt – an ihrer Absicht, wiederzukommen, ändert das jedoch nichts. Die Aussicht sei hier so schön. Alles eine Frage der Perspektive.

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One hotel after the other, as far as the eye can see. More than 10,000 hotel beds, numerous theaters, cinemas, banks and over 3,000 shops. Despite its beauty and attractions, this holiday resort in the Eastern Mediterranean hasn’t welcomed any tourists for the past 40 years: Varosha, belonging to the Cypriot city of Famagusta, is a ghost town.

varosha geisterstadt zypern cyprus famagusta wasmitb verlassenes hausOnce one of the most popular and glamorous tourist destinations in the Mediterranean, the city has been abandoned, fenced off and guarded by Turkish soldiers since 1974: Following a Greek coup d’état trying to unify Cyprus with mainland Greece, Turkish troops invaded the island and didn’t stop at Varosha’s doorstep. The city’s inhabitants fled, leaving all of their belongings behind.

varosha geisterstadt zypern cyprus famagusta wasmitb zaunSince 1984 Varosha has been protected by a UN Security Council resolution which states the ghost town should only be resettled by its original inhabitants. Turkish troops, however, aren’t willing to let that happen and instead plan to hold on to Varosha as a potential bargaining chip in future negotiations. But a solution to the Cyprus conflict is nowhere in sight. Because of this, Varosha will remain a no man’s land for some time to come.

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