«Er hat mich gefragt, ob ich ihn heiraten will!» Ich kann Kathis Strahlen durchs Telefon sehen, als sie mir glucksend vor Glück die große Neuigkeit verkündet. Sie ist nicht die Erste, die sich traut. Schon vor ein paar Wochen hatten mir zwei Freundinnen – jede für sich völlig ergriffen – von ihren Heiratsanträgen erzählt. Und jetzt auch noch Freundin Nummer drei? Ich glaube, es geht los: Die werden alle erwachsen. Aber was ist mit mir?

Wenn ich mir die letzten zwei Jahre im Zeitraffer vor Augen führe, muss ich zugeben: Die Einschläge kommen näher. Von einzelnen Hochzeiten und hier und da mal einem Baby zu sprechen, wäre schlicht falsch. Inzwischen sind sie überall, die Babys und Bräute. Ein Klick in meinen Facebook-Feed reicht und ich bin mir sicher: Wenn das so weitergeht, bin ich spätestens in anderthalb Jahren die letzte, die mir von meinem Profilfoto ohne Mann und Kind entgegen lächelt.

Torschlusspanik oder: Die magische 30

Warum ausgerechnet jetzt? Und warum alle auf einmal? Ist es wirklich diese Zahl – die böse drei null – , die macht, dass Haus und Hof und Hippgläser auf einmal viel mehr Sexappeal haben als jede Fernreise, jede Party, jede Designertasche oder jeder Sportwagen in den letzten zehn Jahren? Dass Nestbautrieb und Torschlusspanik schneller um sich greifen als jede Kinderkrankheit? Ist 30 einfach das Alter, das vor 30 Jahren noch 25 war?

Und warum hat mich eigentlich keiner gefragt, ob ich das toll finde, dass sich meine Freundinnen und Bekannten da gerade mit Eheringen und wehenden Windeln vom Acker machen? Was wird denn jetzt aus meiner Fantasie, dass wir alle noch mindestens fünf Jahre die Nächte durchtanzen, uns gegenseitig zu weinlastigen Dinnerpartys einladen und dass wir uns, wenn uns der Alltag mal gern haben kann, einfach in den nächsten Billigflieger setzen und drei Tage [setze hier eine europäische Metropole deiner Wahl ein] verbringen? Ich hab gedacht: Mit 30, da geht’s noch mal richtig ab, da feiern wir das Leben – und vor allem uns. Pustekuchen.

Tina Dico Old friends Lyrics Is it far too much to ask that our friendship won't change

Tina Dico, Old friends

Nicht, dass mich hier jemand von euch falsch versteht: Natürlich könnt ihr so ausschweifend und oft heiraten wie ihr wollt (und ich bin gerne Gast). Natürlich könnt ihr im Liebestaumel so viele Minimenschen machen, wie ihr wollt (die ich dann ein bisschen überfordert bestaune). Aber: Ob ihr wollt oder nicht, ihr macht mir da ganz schön Druck, das ist euch schon klar, oder?

Ganz besonders beliebt macht ihr euch übrigens, wenn ihr mir in wohlwollendem, gerne auch unverblümt tröstendem Tonfall sagt: „Mach dir doch nicht so viel Stress, Schatz. Heiraten ist echt nicht so wichtig.“ Wobei mich dann euer Tiffany’s Ring schräg von unten anglotzt. Das ist in etwa so als wenn mir ein mit allen Wassern gewaschener Hochseekapitän erzählen würde, dass Strandsegeln auch ganz prima ist.

„Und wann ist es bei euch soweit?“

Getoppt wird das eigentlich nur noch von der persönlichen Konfrontation an der Baby-Front: „Und wann ist es bei euch so weit?“ Fünf Euro ins Phrasenschwein. Ich kann’s nämlich echt nicht mehr hören. Und seit wann ist Heiraten oder ein Baby machen überhaupt die einzig logische Konsequenz einer glücklichen Beziehung?

Erst vor ein paar Tagen habe ich auf Facebook das Foto eines Freundes gesehen: Er im (geliehenen) Porsche, den seine Langzeit-Freundin ihm zum Geburtstag für einen Tag vor die Tür gestellt hatte. Die Bildunterschrift: „Best girlfriend in the world“. Der erste Kommentar darunter: „In that case why not make her your wife!? Insert corny Beyoncé song here… ring something“. Dafür gab’s ohne Ende Likes. Und ich frage mich: Wann bitte ist ein Heiratsantrag zum Synonym für das Prädikat „besonders wertvoll“ mutiert? Und heißt das im Umkehrschluss, dass die, die nicht vom Fleck weg geheiratet werden, in der öffentlichen Wahrnehmung weniger tolle Freundinnen sind? Denn wären sie der Knaller, hätte ja jemand den dringenden Wunsch, sie vom Markt zu nehmen. God forbid.

Es gibt Tage, an denen kann ich keine Fotos von Verlobungsringen, winzigen Babyfüßchen, von Hochzeitskleidern, Brautsträußen oder Kinderwagen mehr sehen. Da will ich nur noch schreiend weglaufen und dabei vorwurfsvoll zu euch rüberbrüllen: „Wollten wir nicht wie Pippi Langstrumpf nie erwachsen werden? Verräter!“ Im gleichen Moment schäme ich mich auch schon dafür und finde mich kindisch.

Die Welt dreht sich weiter – und was mach ich?

Zeit, in sich hinein zu hören: Weh tut dieser ganze neue Scheiß eigentlich nur dann, wenn man Angst hat. Wenn man sich vermeintlich in einem Wettrennen und dabei hoffnungslos abgehängt fühlt. Wenn ich ganz ehrlich bin: Es geht in diesen Momenten eigentlich gar nicht um die Anderen. Es geht um mich und die große Frage: Die Welt dreht sich weiter – und was mach ich? Bin ich eigentlich fein damit, wo ich stehe? Bin ich das auch dann, wenn alle anderen zur gleichen Zeit schon ganz andere Baustellen haben?

Ist das die Kunst des Erwachsenseins? Akzeptieren, dass jeder seinen Weg geht, in seinem Tempo, zu seiner eigenen Zeit? Und dabei nie zu vergessen, was uns verbindet – ganz gleich, ob mit oder ohne Kinderwagen vor’m Bauch, ob mit oder ohne Ring am Finger?

Tina Dico Old friends lyrics Can you hear the voices of the kids we were before we flew outTina Dico, Old friends

Zwischen Brautaccessoires und Babyfons im Gespräch bleiben, Verständnis aufbringen füreinander, egal, wie unterschiedlich unsere Lebensumstände aktuell auch sein mögen – ich glaube, das wünsche ich mir. Auch wenn ich in einer Runde von Müttern mal hart genervt bin, weil ich absolut nichts zur Brust- oder Breidiskussion beitragen kann: das heißt ja nicht, dass ich an eurem Leben jetzt nicht mehr teilhaben will – oder dass ich euch weniger schätze und liebe, nur weil es euch ab jetzt auch in der Familienpackung gibt.

Gleichzeitig – und hej, das könnt ihr mir nicht übel nehmen! – treffe ich euch aber auch gerne mal ohne Anhang, so wie früher, möchte immer noch Dinge mit euch bequatschen, die so gar nichts mit Heim, Herd oder Kitageschichten zu tun haben – die ich natürlich trotzdem irgendwann hören will.

Alles neu – plus/minus Hormone

Vielleicht hilft es ja, wenn wir uns alle mal klar machen: Nicht nur für euch ist das alles neu, sondern auch für mich – minus Hormone. Vielleicht müssen wir da geduldig sein, bis wir uns gefunden haben, in den neuen Rollen, die nichts daran ändern, dass wir doch immer noch vor allem eins sind: Freunde.

Und wer weiß: Vielleicht kommt irgendwann der Tag, an dem ich auch denke: „Das, was ihr da gerade alle ausprobiert und lebt, das will ich auch.“ Bis dahin bin ich einfach noch ein bisschen Babysitterin oder Brautjungfer.