Was haben Russland, die Türkei und die Malediven gemeinsam? Antwort: Es war schon mal leichter, ohne schlechtes Gewissen in diese Länder zu reisen. Wenn man hört, dass es im Urlaubsland Menschenrechtsverletzungen und Pressezensur gibt oder dass die Regierung dort Terrororganisationen unterstützt, urlaubt es sich nicht mehr ganz so unbeschwert. „Urlaub ist Urlaub“, sagen Manche und räkeln sich weiter an den Stränden der Malediven oder der türkischen Riviera, obwohl in Ankara längst alle Zeichen auf Autokratie stehen. Für mich fühlt sich das nicht nur falsch, sondern auch naiv an, denn: Reisen ist niemals unpolitisch.

„Da übertreibt sie aber“, wird der eine oder andere jetzt sicher denken. Nein, tue ich nicht. Denn Reisen wird schon in dem Moment politisch, wenn ich mich für das Reiseziel entscheide. Fliege ich nach Ungarn, wo die Regierung und ihre Sympathisanten – nicht erst seit Beginn der Flüchtlingskrise – in ihrem nationalistischen Denken auf Marginalisierung bauen, und setze mich vor Ort nicht mit genau diesen Missständen kritisch auseinander, kommt dies einer stillschweigenden Akzeptanz der politischen Umstände gleich. Engagiere ich mich gleichzeitig zu Hause in Deutschland für Geflüchtete, ist der Absurdität die Krone aufgesetzt. Urlaub in Ungarn, just for fun – für mich undenkbar.

Allein die Tatsache, dass ich bei meiner Einreise nach Österreich seit letztem Jahr wieder meinen Personalausweis vorlegen muss, zeigt sehr deutlich, dass sich die Zeiten geändert haben: Reisen ist wieder ein überaus politischer Akt geworden. Mitten in der EU – also der Gemeinschaft, deren oberstes Ziel Frieden und Zusammenhalt in Europa ist, deren Bekenntnis zur Grenzfreiheit eines der fundamentalsten überhaupt ist – wird der Nachweis meiner nationalstaatlichen Identität zur Eintrittskarte. Politischer geht es kaum.

Wäre mein Beispiel nicht Ungarn, sondern Nordkorea – viele von euch würden mir sofort zustimmen. Denn da ist klar: Mit unserem Demokratieverständnis ist das System von Kim Jong-un nicht kompatibel. Für diese Erkenntnis brauchte es nicht erst Otto Warmbier. Es ist ein offenes Geheimnis, dass der Großteil der Bevölkerung ein entbehrungsreiches Dasein fristet, während die politische Elite des Landes im Luxus lebt. Einnahmen aus dem spärlichen Tourismus fließen direkt in die Staatskasse – gehören ihm doch Hotels samt Infrastruktur. Entscheide ich mich für einen Urlaub in Nordkorea, bezahle ich direkt eine Diktatur. Das darf ich Scheiße finden und die Reise aus politischen und ethischen Gründen ablehnen.

Doch sollten wir die Grenze für solche Gewissensentscheidungen wirklich erst dann ziehen, wenn das Unrecht so offensichtlich ist? Was ist mit Ländern wie der Türkei, Ungarn oder Polen? Sollten wir darauf verzichten, überhaupt in diese Länder zu fliegen?

Eine Frage, für die ich ein klares Jein übrig habe: Denn schließlich straft man durch das Nicht-Reisen immer auch die normale Bevölkerung ab: die unzähligen Kellner, Köchinnen, Reisebegleiter, Busfahrerinnen, das Hotelpersonal und so weiter, die ohne die Einkünfte aus dem Tourismus um ihre Existenz gebracht sind. Hinzu kommt, dass ich zu Hause auf der Couch nicht ins Gespräch kommen kann mit Einheimischen und ihnen damit – genauso wie mir – die Gelegenheit zum offenen Austausch, zum Abgleich von Selbst- und Fremdwahrnehmung, zum Erhaschen eines Blicks „von außen“, zum Voneinander-Lernen abhanden kommt, bevor sie überhaupt die ernsthafte Chance hatte, sich zu manifestieren.

Je offenkundiger die Diskrepanzen zwischen meiner und der vor Ort im Regime verankerten Weltsicht sind, desto mehr werde ich als Reisende gefordert. Weder Ausblenden noch sich darauf zurückziehen, dass man „ja nur ganz privat Urlaub macht“ sind für mich akzeptable Wege aus diesem Dilemma. Auf den Malediven am Strand der Touristeninsel liegen, während sich auf dem von Einheimischen besiedelten Nachbareiland der politische Islam radikalisiert: aus meiner Sicht ein No-Go.

Ich für mich habe entschieden, dass ich die Augen weder verschließen kann noch möchte vor den politischen Systemen der Länder, die ich bereise. Dass ich nicht stillschweigend und zuweilen sehr indirekt etwas unterstützen möchte, das meinem Weltbild und meinen Werten zutiefst widerspricht. Ein wichtiger Faktor ist für mich dabei neben der offiziellen Politik des Landes auch der Zuspruch, den diese Politik vom Volk erfährt. Und ja: Wenn sich die Mehrheit der Menschen dort, vertrauenswürdigen Quellen zufolge, auf die Seite einer für mich fragwürdigen Politik schlägt, wenn ihr Kurs auf Ausgrenzung und Diskriminierung steht, wenn das Beschneiden von Freiheiten billigend in Kauf genommen wird, dann treffe ich für mich die Entscheidung, diese Länder nicht zu besuchen.

In absehbarer Zeit werde ich also nicht mehr nach Ungarn oder Russland, nicht in die Türkei oder auf die Malediven, nicht in den Iran oder nach Saudi-Arabien reisen – außer, um zu recherchieren und mit meinen Fragen den Finger in die Wunde zu legen. Vielleicht schaut auch ihr in Zukunft genauer hin, wohin ihr in den Urlaub fahrt. Informiert euch,  wägt ab und sagt bloß nicht mehr, ihr „hättet einfach nur Ferien gemacht“. Trefft eine  bewusste Entscheidung, wo ihr die Grenze für euch zieht. Denn Reisen ist niemals unpolitisch.