Zersplitterte Glasscheiben knirschen unter meinen Schuhen. Ich gehe vorbei an einem umgekippten Schreibtisch und den verbogenen Türen eines Leichenkühlfachs. Leave nothing but footprints, das ungeschriebene Gesetz unter Urban Explorern, sieht anders aus, denke ich. Was ist hier eigentlich los?

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berlin collage urban exploration lost place wasmitbAls ich mit Urban Exploration anfing, traf ich während meiner Streifzüge nur vereinzelt auf andere Entdecker, mit und ohne Kamera, mit eindeutigen oder unklaren Absichten, immer jedoch in friedlichem, stillschweigenden Einvernehmen, dass das, was man da gerade aus unterschiedlichen Perspektiven sah oder fotografierte, irgendwie „geheim“, und damit schützenswert war.

In den letzten beiden Jahren war ich immer seltener wirklich allein unterwegs. Manchmal stellte ich mir angesichts der Massen, die ich in verlassenen Hallen und Fabriken antraf die Frage, ob da nicht gerade eine Führung über das Gelände stattfindet.

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Urban Exploration: Hype um verlassene Hotels und alte Bunker

Wie soll es auch anders sein? Abandoned Places sind weder wirklich unzugänglich, noch unauffindbar – Google und ein gutes Dutzend Websites zum Thema Urban Exploration kennen sie alle. Dass selbst die Massenmedien das Thema für sich entdeckt haben und sich auch eine ganze Reihe Bücher damit beschäftigt, trägt zusätzlich zu ihrer Popularität bei. Nicht zuletzt wegen des Hypes, der um Urban Exploration gemacht wurde, war es irgendwie erwartbar, dass sich die Riege der Entdecker und mit ihnen ihr Umgang mit verlassenen Orten zwangsläufig veränderte. Und auch damit, dass die Aura des Mystischen, der aus der Zeit gefallenen Ruinen verblassen würde, kann ich irgendwie noch umgehen. Was mir aber Bauchschmerzen macht, sind die mittlerweile weitverbreitete Scheißegal-Mentalität und Respektlosigkeit, mit der Wochenend-Touristen und Vandalen marodierend durch die Relikte vergangener Zeiten stolpern.

berlin 3 urban exploration lost place wasmitbNur ein Beispiel: Vor einer Weile fand ich mich zusammen mit dutzenden Fremden auf dem Gelände einer aufgegebenen  Bildungseinrichtung wieder. Überall laute Rufe und Geschrei, Besucher, die sich nicht den Hauch von Mühe machten, diskret zu sein, um nicht zu viel Aufmerksamkeit auf ihre Anwesenheit auf dem Gelände zu lenken. Das Bewusstsein, dass der Aufenthalt in verlassenen Gebäuden im besten Fall eine rechtliche Grauzone darstellt, ging ihnen völlig ab.

berlin 6 urban exploration lost place wasmitbDazu der von Müll bedeckte Boden und die fast schon obligatorischen Graffitis, die eingeschlagenen Fensterscheiben und Türen. Und mittendrin: Eine Gruppe von Typen Mitte 20, von letzter Nacht immer noch gut angesoffen, denen nichts Besseres einfiel, als sich – nach einem heißen Tipp auf Facebook – an den Ort des Geschehens aufzumachen und sich einfach mal ganz ungeniert in die Leichenkühlfächer der ehemaligen Anatomie zu legen. Bonnie Strange würde vielleicht sagen „Why not?“ Mir dagegen schoss dazu nur „krank“ durch den Kopf.

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Urban Explorer – Outlaws im Niemandsland?

Auch wenn hinter den Mauern und Zäunen verlassener Orte die Regeln der Gesellschaft weniger zu spüren sind, da nur ab und an mal jemand nach dem Rechten schaut: Muss es denn wirklich sein, dass sich an diesen Orten voller Unwägbarkeiten und auch Gefahren Menschen wie eine Horde Primitiver benehmen? Kann es wirklich Absicht sein, immer noch fremdes Eigentum zu demolieren? Ist es angesichts der eingetretenen Völkerwanderung zu verlassenen Orten wirklich noch sinnvoll, die Adressen von Ruinen, alten Fabrikanlagen, Schulen, Kasernen und Erholungsheimen weiter über alle Social Media Kanäle in die Welt zu posaunen und so dazu beizutragen, diese Orte dem Vandalismus auszuliefern? Ich weiß es nicht. Die Folgen finde ich allemal beschissen.

berlin 14 urban exploration lost place wasmitbVielleicht sollten sich die wahren Fans verlassener Orte – Webseitenbetreiber, Buchautoren, Kartografen der Geschichte und auch Blogger –  mal wieder stärker auf die eigentliche Faszination von Lost Places einschießen: den Umstand, dass diese möglichst unberührt und authentisch sind und bleiben und auf diese Weise einen Trip in die Vergangenheit erst möglich machen. Seien wird doch mal ehrlich: Am meisten machen verlassene Orte doch Spaß, wenn man sich in ihnen für eine begrenzte Zeit als stiller und verschwiegener Beobachter bewegt und sich dann, bereichert aber eben auch diskret, wieder aus dem Staub macht. Location Tags im Netz sind der natürliche Feind der von diesen Orten ausgehenden Magie.

berlin 9 urban exploration lost place wasmitbAls Fan verlassener Gebäude und Orte muss man sicher nicht gleich anfangen, Streife für einen Gebäudesicherheitsdienst zu laufen. Doch vielleicht sollte sich Jeder überlegen, ob es sich nicht lohnt, zur Abwechslung auch mal wieder was für sich zu behalten. Denn Geheimnisse zu verraten war schon in der Grundschule scheiße. Und daran hat sich bis heute nichts geändert.

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