Früher hat es an Weihnachten geschneit. Jedenfalls ist das in meiner Erinnerung so. Zu Hause haben wir Butterplätzchen gebacken, die einzigen Plätzchen, die meine Mutter überhaupt backen konnte. In meiner Erinnerung saßen wir an jedem Adventssonntag auf den beiden japanisch gemusterten Sofas im großen Wohnzimmer und sangen Weihnachtslieder – wobei ich mir besonders viel Mühe gab, weil ich mir sicher war, das Christkind würde ganz genau hinhören. Danach las meine Mutter mir Weihnachtsgeschichten vor, aus einem Brigitte-Weihnachtsbuch. Unsere Versuche, in der Vorweihnachtszeit zu basteln, gaben wir beide wegen mangelnden Basteltalents schnell wieder auf. Wichtig war und blieb aber, dass ich meinen Wunschzettel gleich zu Beginn der Adventszeit abends auf der Fensterbank im Esszimmer deponierte, gleich neben dem Teelichtengel mit dem großen roten Mund – damit er am nächsten Morgen vom Christkind auch wirklich mitgenommen wurde.

Im Vergleich zur restlichen Adventszeit verbrachten wir Heiligabend sehr unorthodox: Früh morgens steckte mich mein Vater in meinen Schneeanzug mit Leuchtbärchen am Rücken, der Hund kam in den Kofferraum und dann fuhren wir zur Jagd. Zusammen mit anderen Kindern und Vätern stapften wir in den Wäldern des Hochsauerlands durch meterhohen Schnee, jagten Hasen und Wildschweine mit lauten Rufen durchs Unterholz. Am Ende war mein Schneeanzug meist völlig durchnässt und ich von der frischen Luft so müde, dass ich schon im Auto einschlief.

Zu Hause gab es dann etwas, was meine Mutter „Rundumerneuerung“ nannte. Alle Klamotten wanderten in die Waschmaschine und ich unter die Dusche. Dann kam auch schon das Christkind, wovon ich erst etwas mitbekam, als ich wieder angezogen war. Das Wohnzimmer, das seit dem Morgen verschlossen war, stand nun wieder offen. Und immer, wenn ich den Weihnachtsbaum sah, fand ich ihn noch schöner als im Jahr davor. Dazu duftet es in meiner Erinnerung nach Bienenwachskerzen und Nana Mouskouri und Luciano Pavarotti liefern sich einen Wettstreit um das kitschigste Weihnachtslied.

Die Weihnacht meiner Kindheit, und damit vielleicht auch meine Kindheit überhaupt, endete an einem Ostersonntag. An jenem Tag erwischte ich meine Mutter in flagranti dabei, wie sie einen für meinen Vater bestimmen Pullover hinter dem Sofa versteckte. Mit wurde schlagartig klar, dass sie nicht nur der Osterhase, sondern in Personalunion höchstwahrscheinlich auch das Christkind sein müsste.

Seitdem will sich bei mir die Vorfreude auf das magische Weihnachtsfest nicht mehr so richtig einstellen, obwohl ich wirklich überall, auf Instagram, Facebook und Snapchat, Bilder von Adventskränzen und Plätzchenfrühstücken, von Meeren aus Lichterketten und Weihnachtsmärkten sehe.

Letztere habe ich in diesem Jahr ohnehin nur einmal gesehen, beruflich, gleich am Eröffnungstag Ende November. Und obwohl der Markt wirklich sehr schön und Massen an netten Leuten da waren, fühle ich mich seither wie ein Alien, gestrandet auf Planet Weihnacht.

Ich habe keinen Adventskranz, keine Plätzchen und kein Räuchermännchen, keinen Schwibbogen und kein Knusperhaus. Und dass sich eine Woche vor Weihnachten doch noch Mariah Carey in meinem Gehörgang verfing, lag ausschließlich an der letzten Folge von Carpool Karaoke. Die Modebloggermädels in ihren Weihnachtsoutfits bedauerte ich fast, wohl wissend, dass ich den Heiligabend – zum Leidwesen meines Freundes – wohl sowieso in Jogginghose verbringen würde. Dass ich in diesen Jahr, zum ersten Mal überhaupt, über die Feiertage nicht einen Tag zu meinen Eltern fahren werde, passt da irgendwie ins Bild.

Aber will ich das wirklich? Soll es das schon gewesen sein mit mir und diesem Weihnachten 2016? Wenn das Gefühl zum Fest nicht an die Tür klopfen will, vielleicht muss dann eben das Fest zum Gefühl kommen – nicht, weil  das schon wieder ein beinahe biblischer Akt wäre, sondern, weil ich es mir einfach schuldig bin. #dasBesteausderSituationmachen

Seit gestern nun haben wir Besuch auf unserem Balkon: Er ist 1,90 groß, hat kräftige Arme und stachelt. An Heiligabend darf er – unser Weihnachtsbaum, den ich in diesem Jahr zum ersten Mal überhaupt höchstpersönlich ausgesucht habe – mit ins Wohnzimmer. Wie jedes Jahr seit ich denken kann, wird es Garnelen geben mit Feldsalat und Kartoffeldressing, das wahrscheinlich ungewöhnlichste Weihnachtsessen ever. Und morgens, gleich nach dem Aufstehen, werde ich „Weihnachten in Bullerbü“ hören und dabei alle Geschenke einpacken, mit dem gleichen nicht vorhandenen Basteltalent wie damals mit fünf, sechs, oder sieben, als es an Weihnachten noch geschneit hat.